Die Wissensplattform der Neuen Regionalpolitik (NRP)

Biosphärenreservat Entlebuch (Regio-Plus-Projekt 1998 bis 2001)

Das Entlebuch soll zu einer Modellregion werden, in der die Menschen nachhaltig leben und wirtschaften. Das heisst: Der Landschaft darf nicht mehr entnommen werden, als nachwachsen kann. Zu diesem Zweck wird die Anerkennung der Region als Biosphärenreservat gemäss UNESCO-Richtlinien angestrebt. Das Biosphärenreservat ist in drei Zonen aufgeteilt: Die Kernzone umfasst rechtlich geschützte Gebiete zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, zur Beobachtung minimal gestörter Ökosysteme und zur Durchführung von Forschungsprojekten sowie für Nutzungen mit geringen Auswirkungen wie z. B. Bildungsmassnahmen. Die Pufferzone ist eine klar ausgewiesene Pflegezone, welche die Kernzone umgibt. Sie ist für gemeinschaftliche, umweltfreundliche, extensive Nutzungen sowie für Umweltbildung oder angewandte Grundlagenforschung bestimmt. Die Entwicklungszone ist eine flexible Entwicklungszone, in der Siedlungs- und Landwirtschaftstätigkeiten sowie andere Nutzungen möglich sind, bei denen lokale Gemeinschaften, Bewirtschaftungsbehörden, Wissenschaftler, Natur- und Umweltschutzorganisationen, kulturelle Gruppen, die Wirtschaft und sonstige Interessengruppen zusammenarbeiten. Ein Regionalmanagement ist zuständig für Information, Koordination, Animation und Erfolgskontrolle. Das Projekt will die Nachhaltigkeit im Entlebuch u. a. wie folgt umsetzen: Landwirtschaft: Nischenprodukte entwickeln; biologischen und integrierten Anbau fördern. Gastronomie: Gerichte mit einheimischen Produkten anbieten. Tourismus: Naturerlebnisferien, Exkursionen und Naturkundekurse anbieten und Verknüpfungen zur Landwirtschaft herstellen. Energie: Erneuerbare Energien fördern und Schnitzelfeuerungen weiterentwickeln. Gewerbe: Verarbeitung einheimischer Rohstoffe fördern; ISO 14'000, Ökocheck oder Umweltmanagement in Betrieben fördern. Forstwirtschaft: Wald- und wildschonende Holzgewinnung unterstützen.

Trägerschaft

Regionalplanungsverband Entlebuch

Beteiligte Branchen/Gruppen

  • Land- und Forstwirtschaft
  • Forschung und Bildung
  • Energieversorgung
  • Natur- und Landschaftsschutz
  • Gastronomie
  • Tourismus
  • Industrie und Gewerbe
  • Gemeinden

Gründe für das Projekt

Die Standorteigenschaften des Entlebuchs (Topografie, Boden, Klima und Erschliessung) sind für Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe zwar nicht optimal. Das Landschaftsbild, die Pflanzen- und Tierwelt der Region sind jedoch von (inter-)nationaler Bedeutung. Weite Teile des Entlebuchs werden von ausserordentlich wertvollen und vielseitigen Lebensräumen geprägt. Dazu gehören insbesondere extensiv genutzte Grünland-Ökosysteme, Hoch- und Flachmoore, Heckenlandschaften und naturnahe Wälder.

Der Weiterbestand dieser intakten Natur- und Kulturlandschaften kann mit Vorschriften allein nicht gesichert werden. Vielmehr ist die einheimische Bevölkerung miteinzubeziehen, indem ihr eine wirtschaftliche Entwicklung in ihrem angestammten Lebensraum ermöglicht wird.

Für Einwohner, Grundeigentümer und Bewirtschafter muss sich ein ideeller und materieller Nutzen aus den Naturwerten ergeben; nur so sind sie bereit, sich für das Ziel der Nachhaltigkeit einzusetzen.

Projektziele

Natur-/Landschaftsschutz:

  • Erhaltung und Aufwertung natürlicher und naturnaher Ökosysteme
  • Erhaltung der Landschaften mit ihren kulturellen und traditionell gewachsenen Inhalten

Entwicklung/Wirtschaft:

  • Erhaltung oder Verbesserung der regionalen Wertschöpfung unter Berücksichtigung einer nachhaltigen Entwicklung
  • Regionalmarketing: Profilierung als nachhaltige Region
  • Die intakte Landschaft als Kapital für einen naturverträglichen Tourismus und für regionale Produkte und Dienstleistungen nutzen

Forschung:

  • Förderung, Unterstützung und Koordination von naturwissenschaftlichen und sozioökonomischen Forschungsarbeiten
  • Ökologische Umweltbeobachtung

Umweltbildung/Information:

  • Der Bevölkerung vertiefte Erkenntnisse über ihre Heimat vermitteln und damit die Sensibilität gegenüber den Besonderheiten und Werten der Region erhöhen
  • Besucherinnen und Besuchern Bedeutung und Schönheit der Landschaft vermitteln
  • Bevölkerung und Gäste über Ziele und Tätigkeiten des Regionalmanagements, über Forschungsvorhaben und weitere Projekte informieren

Marketing:

  • Regionale Marketinganstrengungen bündeln für den Aufbau einer Tourismusdestination, die sich als Modellregion durch Nachhaltigkeit profiliert

Vorgehen und zeitlicher Rahmen

1998 (Oktober bis Dezember): Aufbau Regionalmanagement

  • Büroorganisation
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Partizipation: Unterstützungsverein, lokale Initiativen etc.
  • Finanzierung: u. a. Fundraising (Sponsoring)
  • Projektarbeit: Begleitung externer Projekte, Diplom- und Dissertationsarbeiten sowie Praktikumsarbeiten
  • Konzeptionelles: Zieldefinitionen, Indikatoren, Erfolgskontrolle gemäss Agenda 21 und Unesco-Kriterien, Aufbau regionales und nationales Forschungsnetzwerk

Übergeordnete Aufgaben 1999 bis 2001: Betrieb Regionalmanagement und Biosphärenzentrum

  • Betriebsorganisation: Regionalmanagement, Biosphärenzentrum, Informationszentrum
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Partizipation: Verein, lokale Initiativen, lokale Agenda 21
  • Aufbau Destinationen: Tourismus- und Gewerbedestinationen
  • Projektarbeit: Begleitung externer Projekte

1999: Realisierung Biosphärenreservat

  • Regionale Teilkonzepte: Initiierung und Koordination
  • Bereiche: Naturschutz, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Biodiversität
  • Beratung: Initialisierung von Teilprojekten
  • Kooperation: Einsetzen von Arbeitsgruppen
  • Projekte: Regionale Label (Produkte), Agenda 21, Zertifizierungen

2000: Realisierung Biosphärenreservat

  • Regionale Teilkonzepte: Initiierung und Koordination
  • Bereiche: Wirtschaft, Tourismus, Landschaftsschutz, Gesellschaft

2001: Langfristige Planung des Biosphärenreservats

  • Regionale Teilkonzepte: Initiierung und Koordination
  • Bereiche: Verkehr, Energie, Ver- und Entsorgung
  • Konzeptionelles: Synthese der Teilkonzepte zu einem Regionalkonzept
  • Organisation: Einsetzung der Trägerschaft für das Biosphärenreservat
  • Erfolgskontrolle: Bilanz nach drei Jahren, Wertschöpfung
  • Planung: Betrieb des Biosphärenreservats

Finanzieller Rahmen

Gesamtkosten: CHF 1'800'000.–

Auswirkungen des Projekts...

... auf den Arbeitsmarkt

  • Erhaltung der Arbeitsplätze
  • Modernisierung des Arbeitsplatzangebots
  • Aufwertung/Anpassung des Lehrstellenangebots
  • Mehr jüngere Arbeitskräfte
  • Stoppen der Abwanderung: Wanderungsverlust 1997: 99 Personen (von 17'431 Einwohnern)

... auf die regionale Wirtschaftsstruktur

  • Wirtschaftsförderung: Ansiedlung von neuen Firmen, die dem Label Biosphärenreservat gerecht werden.
  • Vermarktung von Regionalprodukten ausserhalb der Region
  • Steigerung der Nachfrage nach Regionalprodukten und bessere Vermarktung in der Region
  • Tourismusförderung:
  • Mehr Sommertourismus: ausgeglichenere Auslastung
  • Tagungs- und Exkursionstourismus
  • Vermarktung des Labels Biosphärenreservat"
  • Steigerung des Bekanntheitsgrads

... auf die Umwelt

Das Projekt trägt dazu bei, dass die Natur des Entlebuchs nicht länger als selbstverständlich hingenommen wird. Sie bildet ein immenses Kapital, das sich entwickeln und nutzen lässt, denn eine schöne und stabile Landschaft ist die Grundlage für ein gesundes Leben und den Tourismus und ist zudem ein schlagkräftiges Argument für die Vermarktung der Produkte aus einheimischer Produktion. Der orientiert sich an der Nachhaltigkeit, das heisst, die Landschaft darf nicht über ihre Regenerationsfähigkeit hinaus belastet werden. 

Modellcharakter des Projekts

Die professionelle Zusammenfassung der verschiedenen Bestrebungen in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung (Land- und Forstwirtschaft, Gewerbe, Tourismus und Industrie), Schutz (Umwelt, Natur und Landschaft), Forschung und Marketing durch ein Regionalmanagement ist ein neuer Ansatz der regionalen Entwicklung. Aufgaben, Verantwortung und Kompetenzen bleiben in der Region.

Beim Projekt handelt es sich um das erste Biosphärenreservat der Schweiz. Es ist ein gelebtes Modell dafür, wie die Menschen nachhaltig leben und wirtschaften können. Das Entlebuch wird zudem zur ersten Tourismus-Destination der Schweiz, die gemeinsam mit einem Regionalmanagement betrieben wird.

Projektleitung

Dr. Engelbert Ruoss
Theo Schnider
Bruno Schmid
Regionalmanagement
Projekt Biosphärenreservat Entlebuch
6170 Schüpfheim
Tel. +41 41 485 88 55
Fax: +41 41485 88 01
E-mail: zentrum@biosphaere.ch
Website

Aus dem Schlussbericht

Zielerreichung
Am 20. September 2001 wurde das Entlebuch als erstes Schweizer Biosphärenreservat gemäss Sevilla-Strategie anerkannt, und am 25. Mai 2002 nahm die Unesco das Entlebuch offiziell in ihr weltweites Netz der Biosphärenreservate auf.

Im September 2000 hiess die Bevölkerung der beteiligten Gemeinden einen jährlichen Beitrag von vier Franken pro Kopf an das Projekt gut, und zwar für zehn Jahre. In den Entscheidungsgremien, Arbeits- und Fachgruppen sowie im Förderverein engagierten sich von Beginn an rund 150 Personen. Logistisch, organisatorisch und personell wurde das Regionalmanagement im Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum, Schüpfheim, etabliert.

Mit dem Projekt gelang es, verschiedene Organisationen zu schaffen respektive zu reaktivieren und so einen Beitrag zu leisten zur Stärkung der regionalen Strukturen. Gleichzeitig sind die acht Allianzgemeinden daran, ein Gremium einzurichten, das die Vernetzung dieser Strukturen sicherstellen soll.

Der Gemeindeverband und das Regionalmanagement garantieren den Weiterbetrieb des Biosphärenreservates. Die Finanzierung wurde durch Bund, Kanton und Gemeinden sichergestellt, aber auch Eigenleistungen machten einen beträchtlichen Teil des Gesamtbudgets aus.

Im Rahmen der so genannten Wissenschaftsplattform ist eine Forschungsstrategie entwickelt worden. Das Regionalmanagement hat die Koordination und Betreuung von insgesamt 19 Forschungsarbeiten sichergestellt.

Modellcharakter
Das Biosphärenreservat Entlebuch verbindet beispielhaft die Erhaltung von Natur und Landschaft mit den Anliegen einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Das beratende Komitee des Internationalen Koordinationsrates der Unesco (Programm Man And Biosphere) hat die Verantwortlichen «zum höchst demokratischen Prozess bei der Etablierung des Biosphärenreservates Entlebuch» beglückwünscht und angeregt, «das Entlebucher Modell der Mitwirkung der Bevölkerung zu publizieren und den anderen Biosphärenreservaten zur Verfügung zu stellen».

Kooperation
Innerhalb der Region: brancheninterne Zusammenarbeit...

  • zwischen den Entlebucher Gemeinden
  • zwischen Regionalmanagement, Forstamt und Landwirtschaftlichem Bildungs- und Beratungszentrum
  • beim Regionalproduktemarketing
  • zwischen Tourismusdestination Entlebuch, lokalen Tourismusvereinen sowie privaten Tourismusanbietern
  • in den fachspezifischen Arbeitsgruppen: Jagd, GIS, Bildung, Erlebnis etc.
  • zwischen verschiedenen Akteuren der Holzbranche (Holzforum)
  • der Biosphärenwirte: Schaffung einer gemeinsamen Gastronomieplattform (Förderung von regionalen Produkten und Direkteinkauf)
  • zwischen den landwirtschaftlichen Organisationen (Landwirtschaftsforum)
  • zwischen den kulturellen Vereinen des Entlebuchs (Kulturforum)

Innerhalb der Region: branchenübergreifende Zusammenarbeit...

  • zwischen Gastronomie und Produzenten
  • zwischen Tourismus und Landwirtschaft
  • zwischen Holzproduzenten, -nutzern und -veredlern
  • in der Markenkommission «echt entlebuch biopshärenreservat»
  • in einer Kommission zur Vernetzung der regionalen Projekte

Ausserhalb der Region: Zusammenarbeit...

  • mit Tourismus Luzern und Zentralschweiz
  • mit der IHG-Region RegioHER
  • mit den Napfregionen
  • mit Universitäten und Fachhochschulen (Wissenschaftsplattform)
  • mit anderen Regio-Plus-Projekten
  • mit anderen Biosphärenreservaten und Nationalparks
  • mit anderen Projekten und Programmen der Lokalen Agenda 21

Zurück zur Übersicht

Bild: regiosuisse.

Nutzen Sie das NRP-Logo für Ihre Kommunikation!

Damit die NRP und die von ihr unterstützten Projekte in der Öffentlichkeit sichtbarer werden, hat das SECO ein NRP-Logo entwickelt. Dieses soll die Kommunikation des Bundes erleichtern, kann aber auch von Kantonen, Regionen, Projektträgern und weiteren Interessierten in der Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden.

NRP-Projekt «Zukunft Hasliberg»

Wie mit den Auswirkungen der Zweitwohnungsinitiative umgehen? Betroffene Akteurinnen und Akteure ziehen am selben Strick, um die Zukunft ihrer Gemeinde und Region unter den neuen Vorzeichen zu gestalten.
Artikel teilen