Die Wissensplattform der Neuen Regionalpolitik (NRP)

Grenzpfad Napfbergland (Regio-Plus-Projekt 1995 bis 1999)

Entlang eines 75 Kilometer langen Fernwanderweges an der Kantonsgrenze zwischen Bern und Luzern sollen mittels professionellem Marketing die vielfältigen touristischen Potenziale der Region ausgeschöpft werden. Dazu gehören: Übernachtungsmöglichkeiten in Landgasthöfen, Hotels und Alpbetrieben sowie Schaukäsereien, Goldwaschzentrum, historische Stätten usw. Schautafeln, Publikationen, aber auch Führungen und kulturelle Ereignisse bringen den Gästen die reiche Kultur und Geschichte des Napfgebietes näher. Ein Schwerpunkt ist das Thema «Grenzen»; Besucherinnen und Besucher erleben deren Bedeutung am konkreten Beispiel des von den verschiedensten Grenzen durchzogenen Napfgebiets.

Trägerschaft

Interessengemeinschaft Grenzpfad Napfbergland sowie die beteiligten Regionen (Luzerner Hinterland, Entlebuch, oberes Emmental, Trachselwald und Oberaargau) und Kantone (Bern und Luzern).

Beteiligte Branchen/Gruppen

  • Gastgewerbe
  • Tourismus
  • Landwirtschaft
  • Gewerbe
  • Kultur
  • Verkehr

Gründe für das Projekt

Die Regionen Emmental, Entlebuch und Luzerner Hinterland bilden mit Teilen des Oberaargaus eines der grössten zusammenhängenden voralpinen Gebiete der Schweiz. Die von den naturräumlichen Bedingungen her ziemlich einheitlichen Gebiete rund um den Napf werden durch eine deutliche Religions-, Dialekt- und damit auch Kulturgrenze zerschnitten: der Kantonsgrenze Bern  Luzern.

Mit der zunehmenden Integration der Schweiz in globale und europäische Märkte geraten die Landwirtschaft sowie viele vor- und nachgelagerte Branchen im ländlichen Raum unter starken Druck. Für das Projektgebiet, dessen Wirtschaftsstruktur stark auf die Landwirtschaft ausgerichtet ist, gilt dies in besonderem Masse. Deshalb sind heute sowohl die dezentrale Besiedlung als auch die sozialen Strukturen gefährdet. Um den vielfältigen Lebens- und Wirtschaftsraum zu erhalten, braucht es wirtschaftliche Alternativen. Eine davon ist der Tourismus.

Die Förderung eines ländlichen, an die lokale Situation angepassten und gleichzeitig wertschöpfungsstärkeren Tourismus ist das klare Ziel der Regionen rund um den Napf.

Projektziele

Touristisch-wirtschaftlich:
Touristische Wertschöpfung erhöhen durch Verknüpfung, Ergänzung und bessere Vermarktung der touristischen Angebote entlang der Grenze

Kulturell-historisch:
Den Gästen von ausserhalb, aber auch der regionalen Bevölkerung Aspekte der Geschichte, Kultur und Landschaft des Grenzgebietes vermitteln

Staatskundlich:
Kulturelle und historische Beiträge zum Thema «Grenzen»

Regionalpolitisch:
Interregionale Kooperation über die Kantonsgrenze Bern-Luzern hinweg fördern (Tourismus, Kultur, Gewerbe)

Vorgehen und zeitlicher Rahmen

Das Napfgebiet verfügt bereits über eine vielfältige touristische Infrastruktur. Das Ziel der IG Grenzpfad ist somit nicht in erster Linie, diese Angebote auszubauen. Es geht vielmehr darum, einen Markennamen zu etablieren, der unterschiedliche Zielgruppen anspricht und unter dem die verschiedensten Aktivitäten zusammengefasst werden können. Damit sollen interessierte Personen in ihren Bemühungen zur Förderung eines regional verankerten Qualitätstourismus unterstützt werden. Dies bedeutet, das Endprodukt Grenzpfad und dessen Bestandteile können nicht abschliessend definiert werden; das Projekt ist prozessorientiert und soll sich ständig weiterentwickeln.

Zeitplan:

  • Dezember 1995: Gründung der Trägerschaft IG Grenzpfad Napfbergland und Aufbau der Projektorganisation (Vorstand, Arbeitsbereiche und -gruppen)
  • Ab 1996 (bis heute): Sicherung der Projektfinanzierung; Gesuche an Regionen, Bund, Kantone, Gemeinden, Stiftungen, Firmen etc.
  • Ab 1996: Inventarisierung und Aufarbeitung von interessanten Themen aus Kultur, Geschichte und Landschaft für einen speziellen Wanderführer sowie für Schautafeln entlang des Grenzpfades
  • Ab 1997: Erarbeitung von Qualitätskriterien für die touristischen Angebote; Erarbeitung von Informations- und Werbematerial
  • Ab Herbst 1997: Verbesserungen und Ergänzungen der Wanderwege
  • Ende 1997: Zusicherung der Unterstützung durch Regio Plus
  • Ab Ende 1997: intensive Öffentlichkeitsarbeit nach innen und aussen (diverse Anlässe)
  • Mai 1998: Eröffnung; Montage der Schautafeln; durchgehende Signalisation
  • Ab Mai 1998: Öffentlichkeitsarbeit zusammen mit den regionalen Verkehrsverbänden; Aufarbeitung weiterer Themen aus Kultur, Geschichte und Landschaft; verstärkter Einbezug des agrotouristischen Angebots; weitere Anlässe zum Thema Grenzen etc.
  • Dezember 1999: Ende des Regio-Plus-Projekts; Übertragung der Aufgaben der IG Grenzpfad an bestehende regionale Organisationen

Finanzieller Rahmen

Gesamtkosten: ca. CHF 500'000.– (1995 - 1999)

Auswirkungen des Projekts...

... auf den Arbeitsmarkt

Neue Arbeitsplätze entstehen voraussichtlich nur sehr begrenzt. Hauptsächlich werden vorhandene Stellen in der Tourismusbranche und teilweise in der Landwirtschaft gestützt. Eine genaue Beurteilung ist im Voraus nur schwierig vorzunehmen, weil der Tourismus stark mit anderen Wirtschaftsbranchen verknüpft ist. Deshalb lässt sich der Einfluss des Grenzpfades nicht ohne weiteres von der übrigen wirtschaftlichen Entwicklung isolieren. Das Projekt gibt Impulse. Das heisst, wer sich in einem sanften, gebietsbezogenen Tourismus engagieren will, hat durch das «Destination-Marketing» eine verstärkte, koordinierte Wirkung.

... auf die regionale Wirtschaftsstruktur

Der Grenzpfad eröffnet dem Gewerbe und vor allem der Landwirtschaft interessante Diversifizierungsmöglichkeiten, um dem Strukturwandel im ländlichen Raum zu begegnen.

Der koordinierende, grenzen- und branchenübergreifende Charakter des Projektes führt zu einem «Milieu-Effekt»: Im Gespräch zwischen unterschiedlichen Partnern entstehen neue Ideen, die sich u. U. zu innovativen Projekten entwickeln könnten. Diese Wirkung dürfte sich in Zukunft noch verstärken (Innovationspotentiale kreativer Milieus).

Zusätzlich wirkt sich der Grenzpfad in dreierlei Hinsicht positiv aus:

  • Das kulturelle und kulturhistorische Angebot wird erweitert und verdichtet, wodurch auch die Lebensqualität für die Ansässigen steigt.
  • Synergien im öffentlichen Verkehr führen zu besserer Auslastung und höherer Rentabilität.
  • Wert und Einzigartigkeit des Napfgebietes werden betont, wodurch die Bevölkerung der Grenzregionen ihre Lebensqualität höher einstuft.

... auf die Umwelt

Die wichtigsten Umweltprobleme des Napfgebietes liegen in folgenden Bereichen:

  • Verkehr
  • Konzentration des Besucherstroms auf einige wenige Orte und Termine
  • Veränderte Nutzungsstrukturen in Land- und Forstwirtschaft und deren negative Auswirkungen auf Landschaft, Flora und Fauna.

Der Grenzpfad fördert einen umweltgerechten Ferientourismus anstelle eines verkehrsintensiven, zeitlich und räumlich zu stark konzentrierten Ausflugstourismus.

Einen Hauptbestandteil des Grenzpfades bilden die Informationen über Landschaft, Flora und Fauna des Grenzgebietes, mit denen sowohl Gäste als auch Einheimische für Wert und Besonderheit der Natur des Napfgebietes sensibilisiert werden.

Wichtige regionale Institutionen des Landschafts- und Umweltschutzes sind selber am Projekt beteiligt (z. B. Wässermatten-Stiftung und Naturschutzverein Rottal).

Modellcharakter des Projekts

Das Projekt ist grenzen- und branchenübergreifend. Es geht über reine Tourismusförderung hinaus. Zusätzlich entsteht ein kreatives, innovatives Milieu, indem neue Ideen entstehen und von Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen gemeinsam weiter entwickelt und realisiert werden.

Projektleitung

IG Grenzpfad Napfbergland

c/o Dr. Ueli Stalder

Murgenthalstrasse 22b

4900 Langenthal

Tel. +41 62 922 74 91

Email: stalder@giub.unibe.ch
Website

Aus dem Schlussbericht

Mit einem Fallschirm-Absprung aus 3000 m. ü. M. eröffneten die beiden Regierungsrätinnen Brigitte Mürner und Elisabeth Zölch im Mai 1998 den Grenzpfad Napfbergland. Seither haben die Beteiligten dieses kantons- und branchenübergreifenden Projekts eine sehr intensive Zeit erlebt und viele Erfahrungen gesammelt, die auch für andere Regio-Plus-Projekte von Interesse sein dürften. Gemessen an den ursprünglich formulierten Zielen sieht die Bilanz nach fünf Jahren erfolgreicher Projektarbeit wie folgt aus:

Touristische Wertschöpfung: Ohne dies mit gesicherten Zahlen belegen zu können, hat der Grenzpfad sicherlich zu einer Erhöhung der touristischen Wertschöpfung im Grenzgebiet Bern-Luzern beigetragen. Zusammen mit anderen Einflussfaktoren war er dafür verantwortlich, dass die Zahl der touristischen Anbieter insbesondere in der Parahotellerie zugenommen hat. So ist ein Grossteil der Gastgewerbe-Betriebe auch weiterhin bereit, einen finanziellen Beitrag an das Grenzpfad-Projekt zu leisten.

Vermittlung von Geschichte, Kultur und Landschaft: Bis Ende 1999 haben Fachleute insgesamt 25 Themen aus den Bereichen «Natur und Landschaft», «Arbeit und Wirtschaft», «Kultur und Brauchtum», «Siedlung und Verkehr» sowie «Krieg und Frieden» aufgearbeitet. Daraus resultierte einerseits ein rund 250-seitiger Kultur- und Landschaftsführer, andererseits wurden an insgesamt 31 Standorten entlang des Grenzpfades gegen 50 grosse und kleine Schautafeln zu ökologischen, kulturellen, historischen und wirtschaftlichen Themen aufgestellt. Sowohl Führer als auch Tafeln stossen beim Publikum auf grosses Interesse, und das Medienecho ist durchwegs positiv.

Beiträge zum Jubiläumsjahr 1998: Dieses Ziel wurde mehr als erreicht. Im November 1997 fand in Erinnerung an die Zeit des Sonderbundkriegs ein Gedenk- und Informationsanlass statt, der in den Medien grosse Beachtung fand. Sogar die Tagesschau des Schweizer Fernsehens berichtete darüber. Anfang Sommersaison 1998 wurde der Grenzpfad schliesslich mit einem grossen Fest auf dem Napf eröffnet, das ebenfalls ein beachtliches Medienecho fand. Neben diesen beiden grossen Veranstaltungen gab es während des Jubiläumsjahres ausserdem mehrere kleinere Lokalanlässe.

Verbesserung der interregionalen Kooperation: Dank dem Grenzpfad haben sich die regions- und kantonsüberschreitenden Kontakte wesentlich verstärkt. Im Bereich Tourismus führte der Grenzpfad zu einer stärkeren Kooperation der vier regionalen Verkehrsverbände. In diesem Zusammenhang wurde auch der Kulturaustausch gefördert. Insbesondere die Zusammenarbeit der Regionalzeitungen trägt dazu bei, dass die Bevölkerung nun besser über die jeweiligen Nachbarregionen informiert ist.

Obwohl eine quantitative Beurteilung der Zielerreichung nur begrenzt möglich ist, zeigen die Umfragen im Gastgewerbe und bei regionalen Partnerorganisationen eindeutig, dass die uralte Kantonsgrenze Bern-Luzern als Potenzial für eine nachhaltige touristische Entwicklung des Napfgebietes entdeckt wurde. Durch die zahlreichen Berichte in den regionalen, kantonalen und vor allem auch nationalen Medien hat sich der Bekanntheitsgrad des Napfgebietes erhöht, und die Attraktivität als Ausflugs- und Ferienziel konnte gesteigert werden. Dadurch stehen der Bevölkerung mehr Erwerbsalternativen offen, und der Übergang von einer agrarischen zu einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft wird zumindest für gewisse Bevölkerungskreise erleichtert.

Rückblickend war am Projekt Grenzpfad vor allem die Zusammenarbeit über Grenzen und verschiedene Systeme hinweg besonders spannend und modellhaft. Unterschiedliche Milieus, Bedürfnisse und Prioritäten zu verbinden und wenn nötig auszugleichen, war eine der interessantesten, wenn auch schwierigsten Aufgaben.

In Zukunft geht es vor allem darum, das bestehende Angebot zu erhalten und in der Öffentlichkeit noch besser bekannt zu machen. Die ländlichen Streusiedlungsgebiete rund um den Napf können nur dann als vielfältiger Lebens- und Wirtschaftsraum erhalten bleiben, wenn sich alle Beteiligten weiterhin aktiv dafür einsetzen.

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Bild: regiosuisse.

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