Die Wissensplattform der Neuen Regionalpolitik (NRP)

Modellregion Göschenen (Regio-Plus-Projekt von 1996 bis 2000)

Mit der «Modellregion Göschenen − Eine Zukunft für Mensch und Berg» wird ein ganzheitliches Projekt verwirklicht, das die verschiedenen Aspekte von Alpintourismus, Berglandwirtschaft, Umweltschutz und Wirtschaft miteinander verknüpft. Das Projekt will konkrete Schritte hin zu einem umweltverträglichen Alpintourismus tun und die Solidarität zwischen der einheimischen Bevölkerung und den TouristInnen stärken.

Trägerschaft

Mountain Wilderness Schweiz, Gemeinde Göschenen, Kraftwerke Göschenen AG, Korporation Uri und Schweizer Alpen-Club

Beteiligte Branchen

  • Alpintourismus
  • Berglandwirtschaft
  • öffentlicher Verkehr
  • Transportunternehmen
  • Naturschutz

Kurzbeschrieb des Projekts

Es besteht aus vier Teilprojekten:

1. Alpintourismus und Berglandwirtschaft: Direktvermarktung lokaler und regionaler Landwirtschaftsprodukte; konsequente Versorgung der Hütten, Hotels und Gaststätten mit einheimischen Produkten; Aufklärung der AlpintouristInnen über Herkunft und Produktionsbedingungen sowie über Landschaftsschutz bzw. -pflege; Ferien auf Bergbauernhöfen; Erlebnis- und Informationspfad zum Thema Berglandwirtschaft.
2. Alpintourismus und Hüttenbewirtschaftung: Gesteigerte Komfortansprüche und die allgemeine Konsumhaltung führen zu Problemen in den Bereichen Energie- und Wasserversorgung, Abfallentsorgung, Wasserbehandlung, Transporte sowie Landschafts- und Naturschutz. Die fünf Hütten der Region sollen Vorbilder für nachhaltiges Wirtschaften sowie sanften Alpinismus und Alpintourismus sein (Öko-Label). Die Gäste sollen sich mit Hütte und Region identifizieren und Verständnis für die ökologischen Rahmenbedingungen aufbringen.
3. Alpintourismus und Verkehr: Mit Anreizen wie Öko-Bonussysteme oder Umweltabos und Information sollen die Touristen zu umweltverträglichem Mobilitätsverhalten motiviert werden. Der Privatverkehr ist über Lenkungsabgaben zu reduzieren.
4. Alpintourismus und Landschaftsschutz: Die Komfort- und Sicherheitsbedürfnisse der AlpinistInnen und AlpintouristInnen sollen in Einklang mit dem Erhalt der wildnisnahen Hochgebirgslandschaft gebracht werden. Unnötige Belastungen von Luft, Wasser und Boden sind zu vermeiden.

Gründe für das Projekt

Unter dem Aspekt des Umwelt- und Landschaftsschutzes geben einige Entwicklungen im Bergsteigen, Wandern und Klettern Anlass zur Sorge. Trendsportarten wie Sportklettern, Gleitschirmfliegen, Mountain Biking, Canyoning, Schneeschuhlaufen etc. führten dazu, dass viele bisher unberührte alpine Gebiete neu erschlossen wurden.

Der zunehmende Privatverkehr verursachte nebst den bekannten Langzeitfolgen für Luft und Klima vor allem Lärm und Gestank. Neue Strassen in immer abgelegenere Gebiete beeinträchtigen die Landschaft. Parallel dazu wurde der öffentliche Verkehr abgebaut. Durch den Trend zu immer kürzeren Aufenthalten im Gebirge vermindert sich der wirtschaftliche und kulturelle Austausch mit der lokalen Bevölkerung. Die Region Göschenen wurde vom Massentourismus bis anhin nur am Rande erfasst; viele Probleme sind aber bereits im Ansatz erkennbar.

Göschenen ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Durchfahrtsort geworden. Vor allem im touristischen Sektor sind Arbeitsplätze verlorengegangen. Der Spardruck der öffentlichen Hand und der Strukturwandel in der Landwirtschaft verschärften die Situation zusätzlich. Der Lebens- und Wirtschaftsraum Göschenen braucht deshalb neue Impulse, um neue Arbeitsplätze inbesondere für Jugendliche zu schaffen und damit die Abwanderung zu stoppen.

Projektziele

1. Alpintourismus und Bergwirtschaft

Direktvermarktung einheimischer Produkte fördern
Einheimische Wirtschaft und Berglandwirtschaft durch höhere Wertschöpfung stärken

2. Alpintourismus und Hüttenbewirtschaftung

Umweltbewusstes Hüttenmanagement fördern
Hütten als Informations- bzw. Kommunikationszentren für sanften Alpinismus und Alpintourismus nutzen

3. Alpintourismus und Verkehr

Verkehr stärker den Bedürfnissen des Alpintourismus und der einheimischen Bevölkerung anpassen
Bessere Koordination öffentlicher und privater Transportdienste

4. Alpintourismus und Landschaftsschutz

  • Konzept für Naturschutzmanagement erarbeiten
  • Kulturlandschaft erhalten
  • Wildnisnahe Hochgebirgslandschaft schützen
  • Ruhegebiete und -zonen ausweisen
  • Netz ökologisch wichtiger Flächen sichern
  • Erlebnis- und Informationspfade errichten

Vorgehen

In den jeweiligen Arbeitsgruppen der Teilprojekte können die betroffene Bevölkerung und Interessierte Gestaltungsvorschläge einbringen und diese zusammen mit Vertretern von Alpintourismus- und Umweltschutzorganisationen umsetzen.

Zeitlicher Rahmen

1996/1997:

  • Konzeptionelle und planerische Vorarbeiten
  • Wahl der Projektregion
  • Initiierung Öffentlichkeitsarbeit insbes. Durchführung von Informationsveranstaltungen

1998:

  • Gründung des Trägervereins
  • Ideen, Konzepte und Massnahmen
  • Bildung der Arbeitsgruppen

1999/2000:

  • Aktionen und Massnahmen
  • Projektschluss Ende 2000
  • Finanzieller Rahmen

Gesamtkosten: CHF 437'000.–

Auswirkungen des Projekts...

... auf den Arbeitsmarkt

Das Projekt soll helfen, bestehende Arbeitsplätze im Tourismus, in der Landwirtschaft und im öffentlichen Verkehr zu sichern. Wieviele Stellen zusätzlich entstehen, hängt davon ab, welche Initiativen konkret umgesetzt werden können. Für die in der Berglandwirtschaft Erwerbstätigen sind vor allem die Teilzeitarbeitsstellen bedeutend.

Von der angestrebten verstärkten Eigeninitiative der einheimischen Bevölkerung ist ein zusätzlicher Beschäftigungseffekt zu erwarten.

... auf die regionale Wirtschaftsstruktur

Tourismus, Berglandwirtschaft und der öffentliche Verkehr profitieren direkt vom Projekt; weitere Wirtschaftszweige indirekt. Insbesondere sollen lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützt, gestärkt und - wo nötig - initiiert werden.

... auf die Umwelt

Das Projekt strebt nebst einem sozial- vor allem einen umweltverträglichen Alpintourismus an (öffentlicher Verkehr, ökologisches Hüttenmanagement etc.). Gleiches gilt für die damit verbundenen Wirtschaftszweige. Die Ressourcen wie alpine Kulturlandschaften, unberührte Wilderness-Gebiete und deren Artenvielfalt sollen nachhaltig genutzt werden.

Modellcharakter des Projekts

In allen Teilprojekten wird nach innovativen Lösungen gesucht, um die Region Göschenen als Lebens-, Wirtschafts-, Erholungs- und Naturraum zu erhalten und zu fördern.

Angestrebt wird eine neuartige Form der Zusammenarbeit und des Austausches zwischen Einheimischen und AlpintouristInnen, die zu mehr Solidarität führen soll. Viele Regionen der Schweiz haben in den Bereichen Verkehr, Berglandwirtschaft, Alpintourismus und Wirtschaft eine ähnliche Ausgangslage wie die Region Göschenen. Das Projekt kann deshalb als Anschauungsbeispiel für das gesamte Berg- respektive Alpengebiet dienen.

Projektleitung

Bruno Zwyssig
Geschäftsführer
Abfrutt
6487 Göschenen
Tel./Fax: 041/885 18 34

Mountain Wilderness Schweiz
Postfach 148
8037 Zürich
Tel. 01/461 39 00
Fax: 01/461 39 49
E-mail: mountainwilderness@swissonline.ch

Schweizer Alpen-Club SAC
Geschäftsstelle
Monbijoustr. 61
Postfach
3000 Bern 23
Tel. 031/370 18 18
Fax: 031/370 18 00
E-mail: alpenc@spectraweb.ch

Aus dem Schlussbericht

Sowohl beim Verkehr, in der Berglandwirtschaft, bei der Hüttenbewirtschaftung als auch im Landschaftsschutz sind in der «Modellregion Göschenen» konkrete Erfolge erzielt worden:

Neuartiges Bussystem

Der massive Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit zwölf stündlichen Rufbus-Postautokursen auf die Göscheneralp brachte im Vergleich zu den letzten fünf Jahren eine mehr als 100%-ige Steigerung der öV-Nutzung. Davon profitierten nicht nur alle vom Tourismus abhängigen Betriebe (Restaurants, Hütten, Bauernläden usw.), sondern auch die Umwelt. Aufgrund des Erfolgs interessieren sich nun auch andere alpine Gemeinden sowie Postauto Schweiz für das Göschener Bus-Modell.

Bauernladen mit Natur-Informationszentrum

Der 1999 eröffnete Regionalladen war bereits in der ersten Saison ein wirtschaftlicher Erfolg. Mit der Informationsecke zu Natur und Landschaft ist er zudem wichtiger Bestandteil der Öffentlichkeits- und Sensibilisierungsarbeit für die Belange der nachhaltigen Entwicklung. Durch die Tätigkeit der betreffenden Projektarbeitsgruppe ist ausserdem ein breites Beziehungsnetz entstanden zwischen lokalen und regionalen Akteuren sowie bäuerlichen Organisationen aus der ganzen Schweiz.

SAC-Hütten

Die ökologische Situation auf den Hütten der Modellregion ist gut bis sehr gut. Hüttenwarte und Sektionen haben viele wertvolle Aktionen gestartet: von den «Work&Climb»-Wochen über eine Broschüre bis hin zu einem Treue-Bonussystem und einer Tarifvereinheitlichung. Dank dem Prjekt wurden auch die Grundlagen für ein Umweltgütesiegel für SAC-Hütten auf nationaler Ebene gelegt.

Landschafts- und Naturschutz

Das Ziel, einen umweltverträglichen Alpintourismus zu realisieren, wurde weitgehend erreicht. So hat das Projekt einen wertvollen Beitrag zur Umsetzung der lokalen Agenda 21 sowie der Alpenkonvention geleistet. Aufgrund der guten Resultate hat das Projekt im Jahr 2000 den renommierten Preis der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete sowie den Urner Umweltpreis erhalten.

Einer der Schwerpunkte des letzten Projektjahres war die Natur- und Umweltbildung. Neben thematischen Führungen zu Natur- und Kulturthemen, einer Lehrer-Informationsmappe und einem tourismusorientierten Landschaftskonzept entstand auch die Idee für ein Nachfolgeprojekt: «Fluvarium und Wasserweg Göschenen».

Wirtschaft

Durch das Projekt entstanden direkt vier Teilzeitstellen; weitere Arbeitsplätze wurden gestärkt. Das im Kanton Uri ansässige Gewerbe, die Dienstleistungsanbieter und die Landwirtschaft haben durch die ausgelösten Initiativen von direkten und indirekten Aufträgen profitiert. Insgesamt flossen dank dem Projekt mehr als eine Viertelmillion Franken ins Tal.

Weitere Bereiche

Zu den Erfolgen gehört zweifellos auch die intensive und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den zahlreichen, ganz unterschiedlichen Projektpartnern auf privater und öffentlicher Basis. Dem Einbezug der einheimischen Bevölkerung wurde von Anfang an grosse Bedeutung beigemessen. Das Projekt leistete auch einen wertvollen Beitrag zur Förderung des Dialogs zwischen Stadt- und Bergbevölkerung. Die «Modellregion Göschenen» zeigt beispielhaft, wie sich ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz und der Nutzung einer alpinen Region herstellen lässt, ohne dabei die Interessen der Bergbevölkerung zu vernachlässigen.

Die initiierten Projekte werden nun vom Verein «Modellregion Göschenen» eigenständig weitergeführt.

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Bild: regiosuisse.

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