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regioS 18: Flexible Arbeitsformen brauchen mehr als eine digitale Infrastruktur

Der Corona-Lockdown machte möglich, was für viele Unternehmen zuvor unvorstellbar schien: Fern ab vom Unternehmen blieben Hundertausende von Arbeitskräften voll produktiv. Dank leistungsfähiger digitaler Infrastruktur organisierten und erledigten sie ihre Aufgaben über Wochen von zu Hause aus und trafen sich virtuell zu Gesprächen und Konferenzen. Diese neue Bürowirklichkeit liess aber auch erahnen, was Studien und Erfahrungen in den Regionen zeigen: Die digitale Infrastruktur ist eine notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung dafür, dass sich dezentrales Arbeiten zu einer langfristigen Chance für den ländlichen Raum und die Berggebiete entwickeln kann. Was zählt sind auch Softfaktoren, insbesondere ein attraktives Lebensumfeld für die Arbeitnehmenden und ihre Angehörigen oder für potenzielle Neuzuzügerinnen und -zuzüger. 

Die Bemühungen, digitale Technologien zu nutzen, um Arbeitsplätze im ländlichen Raum und in den Berggebieten zu schaffen oder zu erhalten, kennen eine längere Geschichte. In den 1980er-Jahren dachte man – unter dem Schlagwort «Telearbeit» – dabei vor allem an Arbeiten, die den schwindenden Markt von Heimarbeit ablösen könnten. Im Vordergrund standen Call-Zentren, aber auch anspruchsvolle Programmieraufgaben – Arbeiten die inzwischen in Osteuropa dann in Indien erledigt werden. Wie die Coronakrise lehrt, lässt sich heute aber der grösste Teil der Aufgaben, die üblicherweise an Büroarbeitsplätzen in städtischen Dienstleistungszentren erledigt werden, auch dezentral bewältigen – in Lichtensteig SG, im Haslital BE, in Schwarzenburg FR, Grimentz VS oder La Roche-sur-Foron ennet der Grenze im Grossraum Genf, um nur ein paar Orte zu nennen, die die neuste Ausgabe von «regioS» beleuchtet. 

Moderne Marktplätze
Bereits vor der Coronakrise haben verschiedene Initiativen wie die Genossenschaft VillageOffice oder das Interreg-Projekt «GE-NetWork» den Roll-out von Co-Working-Spaces vorangetrieben, die Interessierten nach Bedarf temporäre Arbeitsplätze, aber auch andere Einrichtungen wie Sitzungsräume zur Verfügung stellen. Die Co-Working-Spaces stehen dabei auch als Alternative zum einsamen Arbeiten im Homeoffice. VillageOffice hat bisher den Aufbau von drei Dutzend dieser dezentralen Arbeitsstätten begleitet, acht von ihnen im Rahmen eines NRP-Projekts. Und die Genossenschaft hat Grosses vor. Schweizweit will sie 1000 «moderne Dorfplätze» schaffen, denn die Co-Working-Spaces sollen – so VillageOffice – in ein regionales Dienstleistungsnetzwerk eingebettet sein. 

Ehrgeizig sind auch die Ziele des Interreg-Projekts «GE-NetWork». Es will im Grossraum Genf – beidseits der Grenze – bis 2025 150 bis 200 Co-Working-Spaces mit 7000 Arbeitsplätzen schaffen. Diese sollen von bis zu 35 000 Arbeitnehmenden temporär genutzt werden. Bis jetzt sind bereits über 70 dieser Arbeitszentren eröffnet, manche mit angegliedertem Café, manche mit spezifischen Serviceangeboten. In La Roche-sur-Foron, 20 Kilometer südlich der Grenze, beispielsweise erledigt eine Conciergerie für die Nutzerinnen und Nutzer des Co-Workings-Space allerlei praktische Arbeiten – von der Kinderbetreuung über Veloreparaturen bis hin zu Lieferservices. Zurzeit finden die Co-Working-Spaces in Genf vor allem noch im Agglomerationszentrum, doch sollen sie vermehrt auch in der weiteren Agglomeration wie in La Roche-sur-Foron entstehen. Seit 2019 wird «GE-NetWork» vom Amt für Umwelt und von jenem für Verkehr des Kantons Genf und von der kantonalen Abteilung für nachhaltige Entwicklung fortgesetzt und konzentriert sich vor allem auf die Auswirkungen der flexiblen Arbeitsform auf Mobilität und Umwelt. Gleichzeitig übernehmen mehrere Genfer Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen (darunter die «Services Industriels de Genève») die Leitung und sind von der Entwicklung dieser neuen Art des Arbeitens überzeugt. Künftig sollen nun verstärkt Firmen zur Mitwirkung gewonnen werden.

Win-win-Lösungen 
Vorteile einer räumlich flexibleren Arbeitsform, wie sie Co-Working-Spaces ermöglichen, ergeben sich für alle Beteiligten. Die Arbeitenden können zumindest tageweise auf ihre Pendlerwege verzichten und gewinnen Lebenszeit. Dies wirkt sich – wie es die Genfer Amtsstellen erwarten – auch auf den Verkehr aus: Dank «GE-NetWork» konnten in der Region Genf bereits 12 Millionen Pendlerfahrten eingespart werden, was einer Reduktion des Pendlerverkehrs in der Agglomeration von sechs Prozent entspricht. In Amsterdam hat der Verkehrsstau dank der Förderung von Co-Working-Spaces innert fünf Jahren um 20 Prozent abgenommen. Unternehmen können schliesslich auch ihren Immobilienbedarf optimieren. Mit flexiblen Arbeitsplätzen verlagern sie einen Teil ihres Raumbedarfs aus den städtischen Zentren in die Peripherie oder ins Homeoffice. Dies kann sich finanziell auszahlen, sofern im Hauptbetrieb Platz freigespielt wird, indem die temporär anwesenden Mitarbeitenden die Arbeitsplätze flexibel nutzen. 

Lebensqualität als Schlüsselgrösse
Sollen sich flexible Arbeitsformen zu einer Chance für die ländlichen Räume und die Berggebiete entwickeln braucht es allerdings mehr als digitale und bauliche Infrastrukturen. Deutlich zum Ausdruck bringen dies Rahel Meili, Projektleiterin bei der Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG, Peder Plaz, Geschäftsführer des Wirtschaftsforums Graubünden, und Daniel Studer, Initiator und Präsident der Trägergenossenschaft der «Plattform Haslital», im Gespräch mit «regioS». Flexible Arbeitsformen bergen zweifellos Chancen, Menschen zu gewinnen, die im ländlichen Raum oder Berggebiet wohnen und ein Arbeitsleben zwischen Wohnort und städtischem Zentrum führen möchten. Entscheidend ist allerdings die Lebensqualität. Die Leute erwarten gute Versorgungsangebote, eine soziale Infrastruktur mit Kindertagesstätte, Jobangebote für beide Elternteile beziehungsweise den Partner und die Partnerin und nicht zuletzt eine gelebte Willkommenskultur. Für Rentnerinnen und Rentner, die ihre bisherige Ferienwohnung zum festen Wohnsitz machen, sind die Steuern oftmals ein entscheidendes Argument. Für temporär im Berggebiet weilende Co-Working- beziehungsweise Homeoffice-Leute bleibt das touristische Angebot – ergänzt durch digitale Infrastruktur – wichtig. 

Der Wandel in der Arbeitswelt findet statt. Nach den Erfahrungen in der Coronazeit verbreiten sich die flexiblen Arbeitsformen wohl noch stärker. Ein kürzlich eingereichtes Postulat fordert den Bundesrat auf, Co-Working in den Regionen zu fördern, so dass bis 2030 mindestens 100 000 Gemeinschafts-Arbeitsplätze geschaffen würden.⁠ Die ländlichen Räume und Berggebiete können von dieser Entwicklung profitieren, wenn es den Regionen gelingt, die Zielgruppen mit eigenständigen Angeboten bedürfnisgerecht anzusprechen.

 

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