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JM Buchillier

Jean-Marc Buchillier zieht Bilanz über 25 Jahre im Dienst des nördlichen Waadtlandes

Der Direktor der Vereinigung für die Entwicklung des nördlichen Waadtlands (ADNV), die vor fünfzig Jahren von einer Gruppe politischer und wirtschaftlicher Visionäre aus der Region gegründet wurde, geht in Rente. Wir ziehen mit Jean-Marc Buchillier Bilanz über sein 25-jähriges Engagement im Dienst der regionalen Entwicklung.

François Pavex (FP): Welche Errungenschaften der vergangenen 25 Jahren liegen Ihnen besonders am Herzen? 

Jean-Marc Buchillier (JMB): Da möchte ich zuerst die Inbetriebnahme von drei Zentren nennen, die das Ziel verfolgen, auf unserem gesamten Gebiet für Innovationen zu sorgen. Der erste, der Y Parc, liegt in Yverdon-les-Bains, der zweite befindet sich in Orbe und der dritte, welcher von der Europäischen Weltraumorganisation anerkannt wurde, liegt in den Bergen – in Sainte-Croix. Weiter möchte ich die Gründung des Waadtländer Zentrums für die berufliche Wiedereingliederung von Arbeitslosen (Centre vaudois de gestion des programmes d’insertion pour chômeurs, CGPI) im Jahr 1994 anführen. Gerne erwähne ich auch die Lancierung der AppApp, welche Lehrlinge unterstützt, die Schwierigkeiten in der Berufsausbildung haben, um so auf das Problem der zahlreichen Lehrabbrüche zu antworten. AppApp ist nun im gesamten Kanton Waadt im Einsatz. Um die Probleme bei Finanzierungsvorhaben von Unternehmen in Randregionen anzugehen, hat die ADNV «Capital de proximité» ins Leben gerufen, das erste Netzwerk von «Business Angels» in der Schweiz. Das Netzwerk heisst inzwischen matchINVEST, ist über die gesamte Schweiz verbreitet und umfasst über 500 Investoren.

FP: Gibt es auch Dinge, die Sie bereuen?

JMB: Zu Beginn der 2000er-Jahre haben wir zusammen mit der Europäischen Weltraumorganisation ein Projekt für die Luft- und Raumfahrt angerissen. Die Idee stammte vom Direktor des Maison d’ailleurs, einem Museum für Science-Fiction. Ein Kompetenz- und Technologietransferzentrum sollte auf dem See erbaut werden und dabei die Struktur der «Wolke» wiederverwenden, die anlässlich der Landesausstellung 2002 (EXPO) als zugkräftige Attraktion gedient hatte. Die Bevölkerung lehnte das Bauvorhaben deutlich ab. Es gab auch einige Misserfolge bei der Ansiedelung von Unternehmen. Zurückzuführen waren diese Rückschläge auf die Verzerrungen durch den Steuerwettbewerb. Die Situation hat sich nach der Bildung der «interkantonalen Einrichtung für die Standortförderung der Westschweiz» (Greater Geneva Bern Area, GGBA) verbessert. Ich bedaure, dass Höflichkeit und Einhalten der Regeln zwischen den Kantonen nicht immer an erster Stelle stehen… der Sinn für Ethik sinkt.

FP: Welche Besonderheiten weist die Regionalentwicklung in der Westschweiz auf?

JMB: Seit 2008 hat beispielsweise der Kanton Waadt alles, was seine Wirtschaftsförderungspolitik (Politique d’appui au développement économique, PADE) betrifft, in das Gesetz zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung (Loi sur l’appui au développement économique, LADE) integriert. Ein besonderer Platz wird den 10 Regionen eingeräumt, die von der offiziellen Anerkennung des Kantons und seiner Unterstützung auf der Grundlage anspruchsvoller und regelmässig kontrollierter Kriterien profitieren. Die Dienstleistungen umfassen Beratung und Unterstützung bei der Entwicklung von Unternehmen. Das System verteilt die Rollen zwischen Institutionen (Regionen, kantonale Ämter) und Spezialisten. Die Westschweiz verfolgt zudem eine spezielle Politik im Bereich Innovation. Anders als die Deutschschweiz, die ihren Fokus auf die Zentren legt (z. B. Swiss Innovation Park, Innosuisse), verfügt die Westschweiz über mehrere Gründerzentren, die über das gesamte Gebiet verteilt sind; die ETH Lausanne beteiligt sich, indem sie dezentrale Aussenstellen einrichtet. Es wird also nichts und niemand ausser Acht gelassen, auch nicht die traditionellen Tätigkeiten.

FP: Welche Vor- und welche Nachteile weist die Neue Regionalpolitik auf?

JMB: Die Veränderung, die mich am meisten freut, ist die Öffnung hin zum Privatsektor. Was mich allerdings beunruhigt ist die Tatsache, dass die Innovation zum zentralsten Anliegen geworden ist, denn Innovation ist per se eine zentralisierende Kraft. Sie trägt wenig zur dezentralen Beschäftigung des Gebiets, zur Schaffung von Mehrwert und zu Steuereinkünften in den Regionen bei. Es ist nämlich so, dass die Gemeinden in den Randregionen in Unternehmen investieren, die anschliessend in die Zentren ziehen. Ich bedaure zudem, dass die Neue Regionalpolitik (NRP) zu einer Art Refinanzierungstool für die Kantone geworden ist. Aus meiner Sicht sollte die Position der Regionen bei der Bewilligung von NRP-Projekten gestärkt werden.

FP: Mit welchen Herausforderungen ist die Regionalpolitik konfrontiert?

JMB: Man muss die Regionen daran erinnern, dass die Regionalpolitik für sie ins Leben gerufen wurde. Sie müssen sie verteidigen und dürfen die Aufgabe nicht allein den Kantonen überlassen. Die NRP muss auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Gebieten des Landes anerkennen - gerade sie machen dessen Reichtum aus. Sie muss sich an die neue Umwelt anpassen, die gekennzeichnet ist durch klimatische Veränderungen, die uns sehr teuer zu stehen kommen werden. Und sie muss sich deutlicher zugunsten der Bergregionen positionieren, die sich erneut in einer demographischen Abwärtsspirale befinden, vergleichbar mit jener, die zu Beginn des IHG herrschte. Es geht darum, in diesen Regionen Arbeitsplätze zu sichern und Vermögen zu schaffen. Wenn wir unsere Anstrengungen reduzieren, werden wir uns schon bald mit beunruhigenden Situationen auseinandersetzen müssen. Kurzum: Die Regionalpolitik muss zu ihren Grundwerten zurückkehren, die da sind: Ausgleich und Chancengleichheit für die verschiedenen Regionen des Landes.

FP: Welchen Rat würden Sie den künftigen Verantwortlichen für die regionale Entwicklung mit auf den Weg geben?

JMB: Versucht nicht, Startups zu beraten. Das machen bereits genügend andere Leute. Konzentriert eure Kräfte auf die traditionellen Akteure in eurem regionalen Netzwerk. Schafft für sie Rahmenbedingungen und eine angemessene Begleitung in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand sowie den Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen. Das ist eure Kernaufgabe in der Regionalentwicklung.

 

Photo: Michel Duperrex

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Jean-Marc Buchillier

Jean-Marc Buchillier startete seine Berufskarriere mit einem Betriebswirtschafts-Diplom der HEC in Lausanne. Die HEC war es auch, die ihn im Rahmen eines Seminars über das Bundesgesetz Investitionshilfe für Berggebiete (IHG) erstmals mit der Regionalentwicklung in Kontakt brachte. Als Experte der Internationalen Arbeitsorganisation (Bureau International du Travail
BIT), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, arbeitete Buchillier in Bangladesh und Nepal, bevor er an der EPFL einen MBA in Technologiemanagement erwarb, die er mit einer Arbeit über die Innovation in der wirtschaftlichen Entwicklung und in der Bildung abschloss. Es folgten mehrere Jahre in den Diensten einer Grossbank, und anschliessend arbeitete Jean-Marc Buchillier als Finanzverwalter der Gruppe Olivetti-Hermès Precisa mit Sitz in Yverdon. 1992 wurde er von der ADNV angestellt, die schon seit jeher das Ziel verfolgte, zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des nördlichen Waadtlands beizutragen. Unter seiner Leitung erhöhte die Vereinigung die Anzahl Beschäftigte von 2.5 auf über 40 und setzte sich für den Erhalt, die Diversifizierung und die Schaffung von Arbeitsplätzen ein. 

 

FP

Das Interview für regiosuisse führte François Parvex 

Nach seinem Studium war François Parvex acht Jahre lang Direktor der Association pour le Développement des Activités Économiques de la Vallée de Joux (VD). Als Berater hat er Regionalverbände und Behörden bei der Planung und Umsetzung ihrer regionalen Entwicklung unterstützt. François Parvex unterstützte die Kantone Jura, Tessin und Wallis bei der Ausarbeitung ihrer NRP-Umsetzungsprogramme und die Kantone Wallis, Tessin und Graubünden bei der Planung des grenzüberschreitenden Kooperationsprogramms INTERREG V Italien-Schweiz. Auf internationaler Ebene nimmt er für die Schweizer Zusammenarbeit Beratungsmandate im Bereich Dezentralisierung und lokale Entwicklung wahr.