Peter Binz und seine Frau. Bild: Jano Felice Pajarola / DIE SÜDOSTSCHWEIZ.

«New Highlander» leisten einen Beitrag zur Regionalentwicklung

Sie sind hochqualifiziert, ziehen von der Stadt ins Berggebiet und gründen dort eine Firma. Die «New Highlander» sind der Gegentrend zum Brain-Drain in Berggebieten – damit befasst sich eine Masterarbeit der Universität Bern. In den Schweizer Kantonen und Regionen werden New Highlander begrüsst, denn sie tragen zur Regionalentwicklung bei. Die Entwicklung lasse sich jedoch nur bedingt beeinflussen, so der Tenor bei den befragten Kantons- und Regionsverantwortlichen.

Die Abwanderung im ländlichen Raum und in Berggebieten führt in den betroffenen Regionen zu Problemen wie der Überalterung oder dem Abbau von Dienstleistungen. Es gibt aber eine Gegenbewegung, die jüngst auch einen wissenschaftlichen Namen hat. Die sogenannten «New Highlander» sind hochqualifizierte Personen, die aufs Land ziehen, dort eine Firma gründen oder einen sozialen Beitrag leisten – dort wo Einheimische bisweilen keine Zukunft sehen. 

Arbeitsplätze erhalten und Rückkehr attraktiv machen
Peter Binz ist ein «New Highlander» im eigentlichen Sinne. 30 Jahre war er beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers Schweiz tätig. War operativer Leiter und Finanzchef. Lebte in Zürich. Heute wohnt Binz in Medel-Lucmagn, einer 400-Seelengemeinde in Graubünden. Der 60-Jährige hat sich verabschiedet vom Grossstadt-Stress und von der Hektik. Heute trägt er in seiner Region dazu bei, Arbeitsplätze zu erhalten. Und schafft Bedingungen, die den Weggezogenen eine Rückkehr schmackhaft machen. Zusammen mit seiner Frau erwarb Peter Binz 2008 das Hotel Scopi. Er investierte in einen Umbau und verpachtete es unter dem neuen Namen Hotel Vallatscha. Als Präsident des Vereins «la caura» belebt und unterstützt er lokale Käsereien. 2010 wurde der Stadtzürcher zum Gemeindepräsidenten von Medel-Lucmagn gewählt. Ein Amt, das er bis heute innehat und in welchem er sich unter anderem für die Umnutzung eines ehemaligen Pflegeheims einsetzt. Seit Ende 2014 ist Peter Binz zudem Geschäftsleiter des Klosters Disentis. 

Eine Pionierarbeit aus Bern
Menschen wie Peter Binz werden in einer Masterarbeit der Universität Bern als «New Highlander» bezeichnet. Die Autorin Rahel Meili widmet sich einem bisher unerforschten Teil der Schweizer Gesellschaft: den Firmengründungen durch Zuzüger in Randregionen. Im Rahmen ihrer Arbeit hat Meili mit Menschen gesprochen, die sich bewusst dazu entschlossen haben, aus der Stadt in das periphere Berggebiet zu ziehen und ein Unternehmen zu gründen oder zu übernehmen. Als Fallstudiengebiet diente der Kanton Graubünden. Ein Fazit: Mindestens so gross wie die wirtschaftlichen Leistungen, etwa die Schaffung von Arbeitsplätzen, ist der soziale Beitrag, den Zuzügerinnen und Zuzüger in den Regionen leisten. Die Masterarbeit zeigt unter anderem auf, dass die betroffenen Ortschaften belebter werden und das bisher schlummernde Potenzial geweckt wird. «Diese Entwicklungen können möglicherweise zu einer Trendwende in der alpenweiten Bevölkerungsabwanderung führen», schreibt die Autorin der Masterarbeit in einem Artikel der Geographischen Rundschau (Ausgabe September 2015).

Viele Faktoren entscheiden
In den Kantonen und Regionen ist man mit solchen Aussagen etwas zurückhaltender. Dies ergab eine Kurz-Umfrage der regiosuisse-Webredaktion bei den NRP-Fachstellen der Kantone Graubünden, Uri, Thurgau, Waadtland sowie bei der Region Sense (FR) und der Pays d’Enhaut Région (VD). Alle begrüssen, dass sich Unternehmerinnen und Unternehmer in peripheren Berggebieten niederlassen und dort wirtschaftlich und sozial tätig sind. Dass sich die Abwanderung dadurch aufhalten lässt, bezweifeln jedoch viele. «Aus der Geschichte wissen wir, dass Inputs und Innovationen oft von aussen kommen. Das Phänomen der New Highlander ist also nicht neu», betont Michael Caflisch vom Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden. Spezifische Kampagnen, die diesen Trends verstärken oder begleiten, gäbe es in Graubünden jedoch nicht. New Highlander seien erwünscht, denn sie leisten einen Beitrag zur Entwicklung einer Region. Die Zuwanderung solcher Personen lasse sich jedoch nur bedingt beeinflussen oder erzwingen, wie Caflisch weiter ausführt: «Innovation und die Schaffung von Arbeitsplätzen hängen von vielen anderen Faktoren ab. Da sind einerseits die Menschen, die persönliche Entscheidungen treffen müssen. Anderseits braucht es auch Glück. Und vielfach muss es das Umfeld auch zulassen.» 

Ansätze bestehen
Ähnlich wie in Graubünden tönt es in den anderen Kantonen und Regionen. Dort gibt es wenig bis keine strukturierte Begleitung des New-Highlander-Phänomens – dies aufgrund seiner Vielschichtigkeit und Unbeeinflussbarkeit. Einzelne Massnahmen werden trotzdem umgesetzt, um Hochqualifizierte von einem Leben in peripheren Gebieten zu überzeugen. So existiert in Uri beispielsweise das Projekt «der Uri-Link», das durch die Neue Regionalpolitik (NRP) unterstützt wird. Es soll Weggezogene miteinander vernetzen und Kontakt zur Urner Wirtschaft halten, in der Absicht, dass Weggezogene Urnerinnen und Urner dereinst wieder in den Kanton ziehen oder dort eine Arbeit finden. Mittlerweile zählt das Netzwerk 300 registrierte Personen. Die Pays d’Enhaut Région setzt auf andere Massnahmen. Sie publizierte unter anderem eine Broschüre, die Hochqualifizierte die Vorzüge eines Lebens im peripheren Raum aufzeigt. Wie Regionalmanagerin Eveline Charrière jedoch betont, haben die Massnahmen mässigen und kaum messbaren Erfolg: «Der Entscheid eines Zuzugs hängt nicht allein von den Massnahmen der Region ab, sondern auch von persönlichen Entscheidungen der betroffenen Personen.»

Oft Zufall als entscheidender Faktor
Die Geschichte von Peter Binz widerspiegelt beispielhaft die Aussage von Eveline Charrière. Es waren nicht Massnahmen der Standortkommunikation oder der Regionalmanagements, die ihn bewogen haben nach Medel-Lucmagn zu ziehen – sondern eher Zufall und seine persönliche Entscheidung. «Wir haben früher oft in Medel-Lucmagn Ferien gemacht und die Region hat uns gepasst», betont Binz. Als sich die Möglichkeit anbot ein Eigenheim in der Region zu erwerben, packte er die Gelegenheit beim Schopfe. In der Folge habe sich alles so ergeben wie es heute ist.

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