Die Berggebiete als vielfältige Wirtschafts- und Lebensräume

Zu meinem Bericht hinzufügen Entfernen
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Berggebiete prägen mit rund zwei Dritteln der Landesfläche einen wesentlichen Teil des Landes und bieten etwa einem Viertel der Bevölkerung Lebensraum. 

  • Dabei stellen die Berggebiete keinen einheitlichen Raum dar: Sie reichen von abgelegenen, peripheren Gemeinden bis hin zu wirtschaftlich starken regionalen Zentren mit hoher Dyna-mik. 

  • Gleichzeitig sind die Berggebiete bedeutende Industriestandorte. Durchschnittlich sind 27 % aller Beschäftigten der Berggebiete im Industriesektor tätig. 

  • Auch der Tourismus spielt eine zentrale Rolle: In den Berggebieten entfallen rund 8 % der Beschäftigung auf die Beherbergungs- und Gastronomiebranche. Besonders für peripher gelegene Gemeinden ist der Tourismus ein wichtiges wirtschaftliches Standbein, da er Ar-beitsplätze schafft und damit zur Stabilisierung der Bevölkerungsentwicklung beiträgt. 

  • Viele peripher gelegenen Gemeinden sind dennoch von einem Rückgang der Beschäftigung betroffen. Vor diesem Hintergrund kommt der Neuen Regionalpolitik (NRP) eine wichtige Be-deutung zu: Sie stärkt die wirtschaftliche Basis, fördert Innovationen und unterstützt lang-fristige Entwicklungsperspektiven in strukturschwachen Berggebieten.

 

Berggebiete der Schweiz

Das Schweizer Berggebiet umfasst rund zwei Drittel der Landesfläche und erstreckt sich vom Kanton Waadt im Südwesten bis nach Graubünden im Osten. Im Jurabogen zählen zudem Gemeinden in den Kantonen Waadt, Neuenburg, Jura, Solothurn, Bern, Basel-Landschaft und Aargau dazu. Insgesamt liegen 777 Gemeinden – und damit mehr als ein Drittel aller Schweizer Gemeinden – im Berggebiet. Rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung lebt im Berggebiet. Insgesamt sind nur 4 Kantone der Schweiz komplett ausserhalb des Berggebiets (BS, SH, TG und GE).

Das Berggebiet ist jedoch alles andere als ein homogener Raum. Es reicht von kleinen Gemeinden mit weniger als 50 Einwohnerinnen und Einwohnern wie Rebévelier, Bister oder Cerentino über ländliche Zentren wie Val de Bagnes, Langnau im Emmental oder Biasca bis hin zu urban geprägten Städten wie Lugano, Chur, Zug oder Montreux.

Schon diese Spannweite zeigt: Das Schweizer Berggebiet ist kein einheitlicher Wirtschafts- und Lebensraum, sondern geprägt von grossen regionalen, wirtschaftlichen und demografischen Unterschieden. Diese Unterschiede werden im Folgenden anhand ausgewählter Indikatoren analysiert und illustriert.

Exkurs

Die Definition der Berggebiete richtet sich nach der Definition des Bundesamts für Statistik BFS 2019. Demnach gehört eine Gemeinde zu den Berggebieten, wenn mehr als 50% ihrer Fläche über 800m liegt oder das Gelände sehr verklüftet ist und also viel Höhenunterschied aufweist. 

 

Die Erschliessung der Berggebiete

Anhand der Reisezeit zum nächsten grossen Zentrum wollen wir die Erschliessung der Berggebiete untersuchen. Die Erschliessung messen wir dabei durch die Reisezeit zum nächsten grossen Zentrum, sei es mit dem motorisierten Individualverkehr (MIV) oder dem öffentlichen Verkehr (ÖV). Als grosse Zentren gelten dabei die Städte Zürich, Basel, Genf, Lausanne, Bern und Lugano. 

Mit der nachfolgenden Karte wird gut ersichtlich, dass die Erschliessung der Berggebiete sehr unterschiedlich ist. Gemeinden mit kurzen Reisezeiten konzentrieren sich insbesondere in den Voralpen und sind entlang der grossen Verkehrsachsen zu finden. Kurze Reisezeiten haben auch grosse Teile des Juraraums und das südliche Tessin, dank der Nähe zu Lugano. 

Die Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Verkehr ist in vielen Gemeinden in den Berggebieten etwas weniger gut als mit dem MIV. Bereits in ländlichen Gebieten rund um die Agglomerationen steigen die Reisezeiten häufig auf über eine Stunde. Aus dem Alpenraum, dem Rheintal und dem ländlichen Jura dauert die Fahrt mit der Bahn zu einem der sechs Zentren in der Regel zwischen 1.5 und 2 Stunden.
 

 

 

Exkurs

Die Reisezeit zu grossen Zentren ist ein zentraler Indikator für die Erschliessung einer Gemeinde. Sie bildet jedoch nur einen Teil der effektiven Erreichbarkeit ab. Die folgende interaktiven Karte zeigt auf, welche Räume von einer Gemeinde aus in einer gegebenen Zeit erreichbar sind. Damit wird deutlich, dass die schlechte Erschliessung vieler peripherer Berggemeinden nicht nur die Distanz zu Zentren betrifft, sondern die allgemeine räumliche Einbindung und damit die Entwicklungsmöglichkeiten insgesamt.

 

Die Bevölkerung im Berggebiet wächst, aber langsamer als in der Gesamtschweiz

Im Berggebiet wohnen rund 2.2 Millionen Menschen. Betrachtet man die Zeit zwischen 2010 und 2024, ist die Bevölkerung stetig gewachsen und das Bevölkerungswachstum beläuft sich auf rund 12%, was einer Zunahme von +200'000 Menschen entspricht. Damit wächst die Bevölkerung im Berggebiet etwas langsamer als in der Gesamtschweiz. National hat die Bevölkerung im selben Zeitraum um +15% zugenommen. Die Bevölkerungsentwicklung war im Berggebiet jedoch nicht homogen über alle Gemeinden hinweg verteilt. Es gibt Gemeinden mit einem deutlich höherem Bevölkerungswachstum und solche mit einem deutlich tieferen, teilweise sogar negativen Bevölkerungswachstum. Wird die «räumliche Verteilung» der wachstumsstarken bzw. -schwachen Gemeinden betrachtet, zeigt sich ein interessanter Zusammenhang: Gemeinden, welche näher an einem Zentrum sind, weisen tendenziell ein höheres Bevölkerungswachstum auf. Die am stärksten wachsenden Gemeinden sind Roche (VD) (+99% zwischen 2010 und 2024) und Noville (+75%). Sie sind beide gut erschlossen. Den stärksten Bevölkerungsrückgang weisen hingegen Gemeinden tendenziell weiter weg von einem Zentrum auf. Das tiefste Wachstum haben die Gemeinden Cerentino (-38%) und Rebévelier (-32%). Der Zusammenhang zwischen Erreichbarkeit und Bevölkerungswachstum ist nicht kausal und es gibt Beispiele von Gemeinden, die eher abgelegen sind, aber trotzdem ein klar überdurchschnittliches Wachstum aufweisen, wie z.B. Silvaplana (+15%) oder Fieschertal (+14%).
 

 

Die Überalterung nimmt zu und führt zu neuen Herausforderungen

Zwischen 2010 und 2024 ist der Altersquotient in der Schweiz von 27% auf 32% gestiegen. Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) kommen also gut 30 Personen, die älter als 64 Jahre sind. In den Berggebieten ist der Quotient hingegen von einem bereits höheren Ausgangsniveau (27% im Jahr 2010) auf 37% gestiegen. Die Alterung der Bevölkerung nimmt also stärker zu als in der Gesamtschweiz. Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen fast 40 Rentnerinnen und Rentner. 

Exkurs

Der Altersquotient stellt die Anzahl der über 64-Jährigen ins Verhältnis zu der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Wenn die Bevölkerungsalterung steigt, nimmt der Altersquotient zu. 

Es zeigt sich, dass die Bevölkerungsalterung tendenziell zunimmt, je weiter eine Gemeinde von einem Zentrum entfernt liegt. 
 

 

 

Betrachtet man den Anteil an über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung, zeigt sich, dass von den 20 «ältesten» Gemeinden der Schweiz 19 im Berggebiet liegen. Die «älteste» Gemeinde ist Cerentino im Kanton Tessin mit einem Altersquotienten von 106% und einem Anteil an ü-65-Jährigen von fast 50%. Im Vergleich: Bettens im Kanton Waadt ist die Gemeinde mit dem kleinsten Altersquotienten von 14% und einem Anteil von weniger als 10% über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung. 
 



Eine starke Bevölkerungsalterung stellt Gemeinden vor grosse Herausforderungen. Insbesondere die Ausgaben für die Langzeitpflege dürften in Zukunft zu merklichen Mehrausgaben führen. Zudem kann die Überalterung dazu führen, dass Steuererträge tiefer ausfallen und dass der Nachwuchs an Arbeitskräften fehlt. Das geht einher mit geringer regionalwirtschaftlicher Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit. Solche Herausforderungen können aber auch erfinderisch machen: Erste Gemeinden reagierten bereits aktiv und wandelten z.B. ein Hotel in ein Pflegeheim um oder es wird gezielt versucht, die Überalterung zu stoppen indem junge Familien angezogen werden, beispielsweise mittels der Übernahme von Krankenkassenprämien für die Kinder.


Die Berggebiete sind ein wichtiger Industriestandort

Trotz zunehmender Überalterung: Die Berggebiete sind jetzt und werden auch in Zukunft von grosser Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Schweiz sein. Im Schnitt stieg die Beschäftigung in den Berggebieten zwischen 2014 und 2023 um 10% an. Damit ist die Entwicklung sehr ähnlich wie in der Gesamtschweiz (+11%). In den Berggebieten ist dabei insbesondere die Industrie ein wichtiger Faktor. Im Schnitt sind 27% aller Beschäftigten in den Berggebieten in der Industrie tätig. In der Gesamtschweiz macht die Industrie hingegen nur 21% der Beschäftigung aus. Damit ist die Industrie ein durchaus wichtiger Wirtschaftssektor für viele Gemeinden in den Berggebieten. Im Juraraum, im südlichen Tessin aber auch in diversen Gemeinden im Wallis oder in der Ostschweiz ist ein grosser Teil der Beschäftigung in der Industrie zu finden. 
 


Eine starke Industrie trägt zu einem dynamischen Umfeld bei. Am Beispiel Bulle soll dies aufgezeigt werden: In Bulle ist die Beschäftigung zwischen 2014 und 2023 um 27% gewachsen (von rund 11'000 auf rund 14'000 Vollzeitäquivalente). Bulle ist ein wichtiger Industriestandort. Die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe, in der Herstellung von Maschinen und im Bausektor beträgt im Jahr 2023 rund 5'000 VZÄ. In Bulle haben sich insbesondere grosse Unternehmen im Bausektor, in der Herstellung von Maschinen und Ausrüstung und im Bereich Gesundheit angesiedelt. Dies führte dazu, dass auch benachbarte Gemeinden wie Vuadens u.a. dank dem Sitz einer grossen Bauunternehmung eine sehr hohe Beschäftigungsentwicklung (157%) aufweisen. 


Der Tourismus ist ein wichtiges Standbein für die Berggebiete 

Neben der Industrie ist auch der Tourismus für viele peripher gelegenen Gemeinden der Berggebiete ein wichtiges Standbein und Treiber der Beschäftigungsentwicklung. Ein Beispiel ist Verzasca. In Verzasca ist die Beschäftigung insgesamt um 33% gewachsen (von 134 VZÄ im Jahr 2014 auf 178 VZÄ im Jahr 2023). Die starke Beschäftigungsentwicklung ist unter anderem auf den Tourismus zurückzuführen. Im Jahr 2023 waren rund 20% der Arbeitsplätze in Verzasca in der Beherbergung und Gastronomie zu finden. 

Im gesamten Berggebiet macht die Beherbergung und Gastronomie knapp 8% der Beschäftigung aus. Im Vergleich zur Gesamtschweiz, in welcher der Anteil weniger als 4% ist, ist der Tourismus damit bedeutender für Beschäftigungsentwicklung in den Berggebieten. 

Deshalb ist es wichtig, sich auch mit der Beständigkeit und den Zukunftsperspektiven des Tourismus auseinanderzusetzen. Denn der Tourismus, insbesondere der Tourismus der Bergregionen, steht vor Herausforderungen. Herausforderungen wie Klimawandel, veränderte Gästegewohnheiten, Wechselkursschwankungen, um nur einige zu nennen. Daher sind innovative Ansätze und langfristige Entwicklungsperspektiven wichtig, um dem Tourismus langfristige Entwicklungsperspektiven zu geben. Die NRP trägt mit verschiedenen Instrumenten dazu bei, den Tourismus zu fördern. Sie trägt gezielt dazu bei, die wirtschaftliche Basis in strukturschwachen Berggebieten zu verbreitern, regionale Wertschöpfung zu stärken und Impulse für neue wirtschaftliche Aktivitäten zu setzen. Damit leistet die NRP einen wichtigen Beitrag, um langfristige Perspektiven für Bevölkerung und Beschäftigung in den Berggebieten zu sichern. Seit 2008 wurden von der NRP rund 2'500 Projekte im Tourismus unterstützt. Auch dank dieser innovativen NRP-Projekte können touristische Destinationen wettbewerbsfähig bleiben und es werden weiterhin Arbeitsplätze in Berggebieten geschaffen werden. 
 

Artikel teilen
Newsletter abonnieren
regioS Blog