Regionale Unterschiede in der Bevölkerungs- und Beschäftigungsentwicklung

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Das Wichtigste in Kürze
  • Die vorliegende Analyse untersucht die regionalen Unterschiede in der Bevölkerungs- und Beschäftigungsentwicklung der Schweiz seit der Jahrtausendwende. Das Ziel ist es, die Treiber dieser regionalen Dynamik zu verstehen, um Informationen für interessierte Entscheidungsträger und die Ausrichtung regionalpolitischer Massnahmen von Bund und Kantonen zu erhalten.

  • Es bestehen grosse Unterschiede in der Bevölkerungs- und Beschäftigungsentwicklung zwischen den folgenden fünf Raumtypen: Grossstädte, Städte, periurbane Gemeinden, ländliche Zentren und ländliche Gemeinden.

  • Am stärksten wachsen die periurbanen Gemeinden. Sie verzeichnen sowohl bei Bevölkerung als auch Beschäftigung überdurchschnittliche Zuwächse. Dieses Wachstum entsteht durch eine Kombination aus internationaler Zuwanderung, Zuzügen aus dem Inland und einer vergleichsweise hohen natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Standortfaktoren wie gute Erreichbarkeit, Nähe zu urbanen Zentren und zu Erholungsräumen dürften dabei eine zentrale Rolle spielen.

  • Grossstädte und Städte weisen eine hohe Arbeitsplatzdichte auf und fungieren weiterhin als wirtschaftliche Zentren. Ihr Bevölkerungswachstum ist von der Zuwanderung aus dem Ausland getrieben; die Binnenwanderung fällt negativ aus und die natürliche Bevölkerungsentwicklung kompensiert die Wegzüge nicht. 

  • Ländliche Zentren und Gemeinden zeigen insgesamt ein geringeres Bevölkerungs- und Beschäftigungswachstum als städtischere Räume.

  • Zusätzlich bestehen deutliche regionale Unterschiede im Bildungshintergrund. Der Anteil von Erwerbstätigen mit tertiärem Abschluss ist in urbanen Räumen überdurchschnittlich hoch, während in ländlichen Gebieten die duale Berufsbildung dominiert. 

  • Auch die Unterschiede in der Beschäftigungsdichte, Dienstleistungsversorgung und Steuerbelastung beeinflussen die regionalen Entwicklungsunterschiede. Entsprechend kommt der NRP eine wichtige Rolle zu, um die regionale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Ausgangslage / Problemstellung

Verschiedene thematische Analysen von regiosuisse zur regionalen Entwicklung der Schweiz zeigen, dass sich die Bevölkerungs-, Erwerbstätigen- und Beschäftigungsentwicklung je nach Raumtyp deutlich unterscheiden. Die Neue Regionalpolitik (NRP) beobachtet diese regionalen Entwicklungen systematisch und schafft damit eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung der Regionalpolitik. Mit der NRP investiert der Bund zusammen mit den Kantonen in innovative Köpfe und Unternehmen, die ländliche Regionen und Berggebiete sowie Grenzregionen als Wirtschafts-, Lebens- und Erholungsräume attraktiv gestalten und nachhaltig weiterentwickeln. Die regionale Wettbewerbsfähigkeit soll dabei gestärkt, die Wertschöpfung gefördert und Arbeitsplätze gesichert werden. 
Vor diesem Hintergrund gibt die vorliegende Analyse einen Überblick über die demografische und wirtschaftliche Entwicklung in den verschiedenen Raumtypen und ordnet die Rolle des Bildungshintergrunds der Erwerbstätigen sowie der Standortattraktivität der Regionen ein.
 

Regional unterschiedliche Bevölkerungsentwicklungen

In der Schweiz wohnen im Jahr 2024 mehr als 9 Millionen Menschen. Zwei von drei Personen leben dabei in Grossstädten und Städten (62% der Bevölkerung). Rund 17% der Bevölkerung leben in periurbanen Gemeinden und rund 20% der Bevölkerung leben in ländlichen Zentren und Gemeinden. Im Betrachtungszeitraum seit 2000 ist die Bevölkerung dabei stetig gewachsen, doch nicht überall im gleichen Ausmass. 


Die Bevölkerungsentwicklung zeigt deutliche regionale Unterschiede. Besonders auffällig ist das starke Wachstum der periurbanen Gemeinden. Seit der Jahrtausendwende sind sie fast um ein Drittel gewachsen. Auch in Städten und Grossstädten hat die Bevölkerung deutlich zugenommen. Das Wachstum in ländlichen Zentren und Gemeinden ist etwas tiefer ausgefallen.

Grundsätzlich kann das Bevölkerungswachstum einer Region bzw. eines Raumtyps durch drei verschiedene Treiber erklärt werden:

  • Natürliche Bevölkerungsentwicklung (Geburten und Todesfälle)
  • Nettozuzüge (Zu- und Wegzüge im Inland)
  • Nettozuwanderung (Zu- und Auswanderung aus dem / ins Ausland)


Das Bevölkerungswachstum aller Raumtypen wird zu einem grossen Teil durch die Nettozuwanderung getrieben. Nebst der Nettozuwanderung ist die natürliche Bevölkerungsveränderung ein wichtiger Treiber in allen Raumtypen. Die Nettozuzüge treiben vor allem das Bevölkerungswachstum in den periurbanen Gemeinden an. 


Die Nähe zu urbanen Zentren, gute Verkehrsanbindungen sowie ein ländlicheres Wohnumfeld dürften diese Gemeinden besonders attraktiv machen und erklären, wieso es viele Nettozuzüge gibt. Die Nettozuzüge dürften auch junge Familien umfassen, für welche die Standortvorteile der periurbanen Gemeinden besonders attraktiv sind. Das wäre auch eine Begründung für die hohe natürliche Bevölkerungsveränderung. 

In den Grossstädten und den ländlichen Gemeinden sind die Nettozuzüge negativ. Ohne die Zuwanderung würde die Bevölkerung leicht schrumpfen. Das Bevölkerungswachstum der Städte wird zu einem Grossteil durch die Nettozuwanderung getrieben. Auch die Nettozuzüge und die natürliche Bevölkerungsveränderung tragen – wenn auch zu einem deutlich kleineren Anteil – zum Bevölkerungswachstum bei. Ein ähnliches Muster ist für die die ländlichen Gemeinden zu sehen.

Exkurs: Die regiosuisse-Raumtypen

Grundlage für die regiosuisse-Raumtypologie ist die Gemeindetypologie 2020 des Bundesamts für Statistik (BFS), welche 9 Kategorien umfasst. Die 9 Kategorien werden durch Dichte-, Grösse- und Erreichbarkeitskriterien bestimmt. Die regiosuisse-Raumtypologie aggregiert diese BFS-Typologie auf 5 Kategorien. In der folgenden Tabelle sind die fünf Raumtypen mit jeweils zwei Beispielen zu sehen: 

Raumtyp Beispiele von dem Raumtyp zugehörigen Gemeinden
Grossstädte Genf, Cologny
Städte Luzern, Kriens
Periurbane Gemeinden Satigny, Malters
Ländliche Zentren Frutigen, Scuol
Ländliche Gemeinden Kandersteg, Zernez

Klicke hier für mehr Informationen zu der regiosuisse-Raumtypologie

Das Beschäftigungswachstum ist in den periurbanen Gemeinden überdurchschnittlich hoch

Auch die Beschäftigungssituation zeigt deutliche regionale Unterschiede. Drei Viertel aller Arbeitsplätze (gemessen in Vollzeitäquivalenten VZÄ) in der Schweiz befinden sich in Grossstädten und Städten. Entsprechend ist auch die Arbeitsplatzdichte in diesen beiden Raumtypen hoch. Die Arbeitsplatzdichte beschreibt die Anzahl Arbeitsplätze pro 1'000 Einwohnerinnen und Einwohner. In den Grossstädten gibt es fast 650 Arbeitsplätze und in den Städten rund 530 Arbeitsplätze auf 1'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Das ist deutlich höher als die Arbeitsplatzdichte in periurbanen Gemeinden, ländlichen Zentren und ländlichen Gemeinden. Die hohe Arbeitsplatzdichte in den Grossstädten und Städten zieht Personen aus dem peripheren Raum an, wobei sich viele in den stadtnahen periurbanen Gemeinden niederlassen. Aus dieser verstärkten Konzentration von Arbeits- und Wohnorten resultiert letztlich auch ein erhöhtes Pendleraufkommen.


Wird die Beschäftigungsentwicklung betrachtet, zeigt sich, dass die Entwicklung der periurbanen Gemeinden überdurchschnittlich ist. Sie verfügen zwar über weniger Arbeitsplätze pro Wohnbevölkerung, seit 2011 ist die Anzahl an Arbeitsplätzen im Vergleich zur Gesamtschweiz aber überdurchschnittlich gewachsen und nur in den Grossstädten fand ein noch grösseres Wachstum statt.


Bemerkenswert ist insbesondere, dass selbst im Ausnahmejahr 2020, als die Covid-Pandemie zu Rückgängen in allen Regionen führte, die Beschäftigung in den periurbanen Gemeinden weiter zunahm. Mögliche Erklärungen wären hierfür die Verlagerung von Arbeitsstätten von der Stadt in die periurbanen Gemeinden und ein vorteilhafter, d.h. weniger von den Einschränkungen der Pandemie betroffener Branchenmix. Sollte sich diese starke Beschäftigungsentwicklung fortsetzen, könnten periurbane Gemeinden künftig an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen. Insgesamt weist die Beschäftigungsentwicklung grundsätzlich ein ähnliches Muster auf wie die Bevölkerungsentwicklung. Denn auch bei der Bevölkerungsentwicklung findet das Wachstum vor allem in den Grossstädten, Städten und periurbanen Gemeinden statt und weniger stark im ländlichen Raum.
 

Tieferer Beschäftigungsgrad in ländlichen Gebieten 

Anders als bei den Bevölkerungs- und Beschäftigungszahlen unterscheidet sich das Erwerbsverhalten zwischen den Raumtypen wenig. Über alle Raumtypen hinweg gibt es im betrachteten Zeitraum zwischen 2010 und 2023 eine Verschiebung bei der Teilzeiterwerbstätigkeit. Während der Anteil der Beschäftigten mit tiefem (<50%) und sehr hohem (90-100%) Beschäftigungsgrad in den letzten Jahren insgesamt rückläufig war, hat der Anteil der Erwerbstätigen mit einem Pensum von 50-69% und 70-89% zugelegt. 

Interessant ist der Vergleich mit der EU. Es zeigt sich, dass Teilzeitarbeit in der Schweiz allgemein stärker verbreitet ist als in der EU. Setzt man das Gesamtvolumen der geleisteten entlöhnten Arbeitsstunden ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ab 15 Jahren (Erwerbstätigenquote), liegt die Schweiz – hinter Island – europaweit an der Spitze. 

Die Gründe für den beobachteten Trend hin zu mehr Teilzeitarbeit sind vielfältig, hängen aber auch mit dem gesellschaftlichen Wandel und der persönlichen Situation der Erwerbstätigen zusammen

Bildungsexpansion vor allem in den Grossstädten und Städten

Anders als beim Erwerbsverhalten gibt es beim Bildungshintergrund der Erwerbstätigen deutliche regionale Unterschiede. Die Schweiz hat in den letzten Jahren eine starke Bildungsexpansion erlebt: Der Anteil der Erwerbstätigen mit einem Abschluss auf Tertiärstufe (höhere Berufsbildung und Hochschulen) ist zwischen 2010 und 2023 von 35% auf 46% angestiegen. Doch dieser Anstieg verteilt sich nicht gleichmässig über die gesamte Schweiz. 
Vor allem in Grossstädten gibt es überdurchschnittlich viele Personen mit einem Abschluss auf Tertiärstufe. Spannend zu sehen ist auch, dass innerhalb der Grossstädte eine grosse Heterogenität bezüglich Bildungshintergrund besteht. Auswertungen des Tagesanzeigers zeigen, dass das Bildungsniveau zwischen verschiedenen Quartieren einer Stadt sehr unterschiedlich ist. 


In den ländlichen Zentren und Gemeinden ist der Anteil der Erwerbstätigen mit einer Berufslehre als höchstem Bildungsabschluss höher als in den anderen Raumtypen. Dies dürfte insbesondere mit dem regionalen Bildungsangebot zusammenhängen: Eine Studie der Universität Bern zeigt, dass sich Jugendliche eher für eine Berufsbildung entscheiden, wenn es in ihrer Region viele entsprechende Ausbildungsangebote gibt. In einem Artikel aus dem Jahr 2017 wird gezeigt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Regionen mit einer hohen Berufsbildungsquote im Schnitt tiefer ist als in Regionen mit einer tieferen Berufsbildungsquote. Der hohe Anteil an Personen mit Berufsbildungsabschluss ist damit als positives arbeitsmarktliches Signal zu interpretieren, da er mit einer guten Arbeitsmarktintegration junger Menschen einhergeht. Der hohe Anteil an Personen mit einer Berufsbildung macht die Regionen aber auch verwundbarer gegenüber technologischen Veränderungen. Denn viele Berufe, welche einen Berufsbildungsabschluss voraussetzen, stehen unter wachsendem Automatisierungsdruck. Vor diesem Hintergrund kann der Neuen Regionalpolitik (NRP) eine wichtige Rolle zukommen, indem sie in ländlichen Gebieten als Motor für Innovation fungiert, zum Beispiel mit Angeboten der Regionalen Innovationssysteme (RIS).
 

Standortattraktivität regional unterschiedlich

Gute Rahmenbedingungen sind eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Für Regionen ist es daher zentral, ihren Einwohnerinnen und Einwohnern und Unternehmen ein attraktives Umfeld zu bieten und in diesem Zusammenhang eine hohe Standortattraktivität aufzuweisen.
Zur Beurteilung der Standortattraktivität werden in der Regel sogenannte «Standortfaktoren» beigezogen. Hinsichtlich der Attraktivität einer Region als Wohnstandort sind beispielweise Faktoren wie die Erreichbarkeit von Dienstleistungen, die Wohnkosten, die Steuerbelastung, die Sicherheit, Betreuungs- und Bildungsangebote für Kinder oder die Nähe zu Erholungsräumen von grosser Bedeutung. Für die Attraktivität einer Region als Unternehmensstandort spielen Faktoren wie das Geschäftsumfeld, gesetzliche Regulierungen, die Steuerbelastung sowie das Angebot an Arbeits- bzw. Fachkräften eine wichtige Rolle. Dabei hängen gewisse Faktoren, wie z.B. das Fachkräfteangebot, wiederum von der Attraktivität einer Region als Wohnstandort ab.

Wie gezeigt, hat die Wohnbevölkerung in den vergangenen Jahren vor allem in den Grossstädten, Städten und periurbanen Gemeinden zugenommen. Dies spricht dafür, dass diese Raumtypen derzeit als attraktive Wohnstandorte wahrgenommen werden. Ein Grund dafür könnte u.a. in der Versorgung mit Dienstleistungen liegen. 

Exkurs

Das BFS erhebt die Distanz zu Dienstleistungen für städtische, intermediäre und ländliche Gebiete (Stadt/Land-Typologie). Die städtischen Gebiete umfassen die beiden regiosuisse Raumtypen Grossstädte und Städte, die intermediären Gebiete umfassen die regiosuisse Raumtypen periurbane Gemeinden und ländliche Zentren, die ländlichen Gebieten entsprechen den ländlichen Gemeinden. 

Die Distanz zu Dienstleistungen ist in den intermediären und städtischen Gebieten kürzer als in den ländlichen Gebieten. In weniger dicht besiedelten Regionen fallen die Kosten für Infrastrukturen und Dienstleistungen pro Einwohnerin und Einwohner in der Regel höher aus. Das erschwert die Bereitstellung eines vergleichbaren Angebots.


Neben der Versorgung mit Dienstleistungsangeboten beeinflusst auch die Steuerbelastung die Standortwahl. Wie die nachfolgende Karte zeigt, unterscheidet sich die Steuerbelastung für eine durchschnittliche Familie mit mittlerem Einkommen stark zwischen den Kantonen. Die Unterschiede zwischen Gemeinden im selben Kanton oder zwischen Raumtypen fallen in der Regel kleiner aus. Abweichungen gibt es zum Beispiel in Graubünden. Die Steuerbelastung kann durchaus ein Kriterium sein, wo sich eine Familie niederlässt. Innerhalb eines Kantons zeigen sich tendenziell höhere Steuerbelastungen je peripherer eine Gemeinde ist. 

Bei der Interpretation der gezeigten Daten zur Steuerbelastung ist Vorsicht geboten. Je nach Haushaltstyp (Anzahl Kinder, Einkommenshöhe etc.) kann das Bild anders ausfallen. Eine Vielzahl möglicher Kombinationen kann mit Hilfe des ESTV-Steuerrechners verglichen werden.

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