Gesellschaftliche Vielfalt und Zusammenhalt in der Schweiz: Regionale Unterschiede

Das Wichtigste in Kürze

In allen Raumtypen nimmt der Anteil der Senior/-innen zu, ausser in den Grossstädten. In den ländlichen Gemeinden ist die Freiwilligenarbeit besonders stark verbreitet. Dies zwei Fakten zur Vielfalt und zum Zusammenhalt in den Raumtypen der Schweiz.

  • Die Schweiz und ihre Raumtypen zeichnen sich durch eine hohe gesellschaftliche Vielfalt aus. Die Vielfalt ist ein weiter Begriff und zeigt sich durch verschiedene Dimensionen. Diese Story im Rahmen des Barometers KoRE von SECO und ARE beleuchtet drei Dimensionen, die sich mit öffentlichen Daten besonders gut untersuchen lassen: Altersstruktur, Bildungsniveau und Mehrsprachigkeit. 
  • Die Altersstruktur unterscheidet sich zwischen den Raumtypen: In den ländlichen Gemeinden und Zentren gibt es mehr Menschen über 65 Jahre als in den anderen Raumtypen. Ein hoher Anteil an älteren Menschen ist mit Herausforderungen verbunden, z.B. bei der Gesundheitsversorgung, Betreuung, Wohnraum oder Infrastruktur. Entsprechend führt die Vielfalt auch zu räumlich unterschiedlichen Herausforderungen. 
  • Beim Bildungsniveau zeigt sich die Vielfalt durch einen grossen Anteil an Menschen mit Abschluss auf Tertiärstufe in den Grossstädten und einem grossen Anteil an Menschen mit Abschluss auf Sekundarstufe II in den ländlichen Gemeinden und Zentren. Die Story zeigt auch auf, dass die Vielfalt innerhalb von Raumtypen genau so gross ist wie zwischen den Raumtypen: So gibt es in den Zentren der Grossstädte deutlich mehr Akademiker/-innen als in den Vororten. 
  • Gerade weil die Gesellschaft in der Schweiz und ihren Raumtypen so vielfältig ist und von verschiedenen Entwicklungen und Herausforderungen steht, ist der Zusammenhalt umso wichtiger. Die Stimmbeteiligung steht für die politische Teilhabe. Sie ist mal in den Grossstädten und Städten, mal in periurbanen Gemeinden und mal in ländlichen Zentren und Gemeinden höher. Freiwilligenarbeit trägt zum Zusammenhalt bei. In den ländlichen Gemeinden leisten besonders viele Menschen Freiwilligenarbeit (50 %).


Ausgangslage

Vielfalt gehört zur Schweiz: Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Generationen prägen die Schweiz und alle ihre Raumtypen. Diese Vielfalt ist nicht nur ein Merkmal der Schweizer Gesellschaft, sondern auch eine wichtige Grundlage für Innovation und Austausch. Sie kann eine Chance, aber auch eine Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein. Als eines von fünf Zielen einer kohärenten Raumentwicklung (KoRE) hat der Bundesrat in der Agglomerationspolitik (AggloPol) und der Politik für die ländlichen Räume und Berggebiete (P-LRB) die Stärkung der gesellschaftlichen Vielfalt und des Zusammenhalts der Regionen definiert (siehe den Bericht des Bundesrates).

Vielfalt ist ein weiter Begriff – wie lässt sie sich messen? Sie zeigt sich beispielsweise beim Alter, beim Bildungsniveau, bei der Sprache, der Herkunft, der Lebensform oder der Kultur. Nicht alle Dimensionen lassen sich statistisch gleich gut erfassen. Dies gilt noch viel mehr für den Zusammenhalt. Diese Story im Rahmen des Barometers KoRE von SECO und ARE beleuchtet deshalb drei Dimensionen gesellschaftlicher Vielfalt, die sich anhand regionaler Daten besonders gut untersuchen lassen: Die Altersstruktur der Bevölkerung, das Bildungsniveau und die Mehrsprachigkeit. Dabei wird sichtbar, dass Vielfalt nicht nur zwischen verschiedenen Raumtypen besteht, sondern sich oft auch innerhalb einzelner Raumtypen und Gemeinden zeigt. Der Zusammenhalt wird durch das Ausmass an Freiwilligenarbeit und durch die Stimmbeteiligung illustriert. Die Freiwilligenarbeit spielt auch im Themenschwerpunkt «Lokale Dienstleistungsangebote mitgestalten» der Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung 2025-2030 des Bundes eine wichtige Rolle. Freiwilligenarbeit trägt dazu bei, lokale Angebote, Traditionen und Netzwerke zu bewahren. Damit werden lebendige Regionen und der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt.

Exkurs zu den Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung

Mit den Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung fördert der Bund lokale, regionale und kantonale Akteurinnen und Akteure, die versuchen, mit neuen Methoden aktuelle Probleme zu lösen. Das Bundesamt für Raumentwicklung ARE hat die Federführung. Für den Zeitraum 2025 bis 2030 wurden sechs Themenschwerpunkte definiert. Im Rahmen der Themenschwerpunkte werden Projekte finanziell und fachlich gefördert. Mehr Informationen zu den Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung.


Demografische Vielfalt: Die Schweiz wird älter, ausser in den Grossstädten

Eine altersdurchmischte Gesellschaft ist vielfältig. Kinder und Jugendliche, Menschen im Erwerbsalter und ältere Personen bringen unterschiedliche Erfahrungen und Bedürfnisse in die Gesellschaft ein. Begegnungen und Austausch zwischen Jung und Alt bereichern das Zusammenleben, bergen aber auch Herausforderungen.

Die Altersstruktur der Bevölkerung verändert sich: Die Bevölkerung in der Schweiz wird älter. Besonders gut sichtbar ist diese Entwicklung anhand des Altersquotienten, also der Anteil der Menschen ab 65 Jahren (siehe Exkurs für genauere Definition). In nur 14 Jahren, zwischen 2010 und 2024, ist der Altersquotient von 28 % auf 33 % gestiegen. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung in den ländlichen Gemeinden und ländlichen Zentren. Dort schreitet die demografische Alterung schneller voran als in den übrigen Raumtypen. Dies stellt die Gemeinden vor Herausforderungen, etwa in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Betreuung, Wohnraum oder Infrastruktur. Einzig im Raumtyp «Grossstädte» ist der Altersquotient konstant.

Exkurs zum Alters- und Jugendquotienten

  • Der Altersquotient zeigt, wie viele Personen im Alter von 65 Jahren und älter auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) kommen.
  • Der Jugendquotient zeigt, wie viele Personen im Alter von unter 20 Jahren auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen. 

Die ländlichen Gemeinden und Zentren sind auch von einem besonders starken Rückgang des Jugendquotienten betroffen. Er sank zwischen 2024 und 2010 von 40 auf 37 %. Auch der sinkende Jugendquotient kann Herausforderungen mit sich bringen: ohne Zuzüge oder Zuwanderung schrumpft die Bevölkerung, und langfristig fehlen damit auch dem Arbeitsmarkt Nachwuchsfachkräfte.

Auffallend sind auch die Grossstädte: Im Gegensatz zu den anderen Raumtypen sind sie bisher viel weniger von der Bevölkerungsalterung betroffen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass es in den Grossstädten viele Arbeits- und Ausbildungsplätze gibt und damit die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter angezogen wird (siehe Regionenmonitoring zur Beschäftigung). Eine wichtige Rolle spielt die Zuwanderung aus dem Ausland. Die grosse Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften führt zu einer starken Zuwanderung aus dem Ausland in die Grossstädte. 

     

Vielfalt auch innerhalb der Raumtypen

Der Blick auf Unterschiede zwischen Raumtypen darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Altersstruktur auch innerhalb eines Raumtyps sehr unterschiedlich sein kann.

So gibt es auch Städte, die stark von der Bevölkerungsalterung betroffen ist. Ein Beispiel dafür ist Locarno mit einem Altersquotienten von 44%. Das ist deutlich höher, sowohl im Vergleich mit anderen Städten (34%) als auch im Vergleich zu der gesamten Schweiz (33%). Und auch in den ländlichen Gemeinden oder Zentren gibt es junge Gemeinden. Ein Beispiel für eine solche Gemeinde ist das ländliche Zentrum Romont im Kanton Fribourg. In Romont liegt der Altersquotient bei 23%. Dies ist deutlich unter dem Durchschnitt des Raumtyps. Gleichzeitig liegt auch der Jugendquotient mit 29 % unter dem Schweizer Durchschnitt. Romont liegt zwischen Freiburg und Lausanne und ist gut erschlossen (z.B. liegt Romont auf der SBB Strecke Lausanne-Bern). Romont ist zudem Industriestandort und bietet entsprechend viele Arbeitsplätze. Entsprechend dürfte Romont viele Erwerbstätige anziehen, die in Romont arbeiten und auch Pendlerinnen und Pendler, die die ländliche Umgebung und gleichzeitig gute Verkehrsanbindung an die Grossstädte schätzen. 

 
Bildungsvielfalt in den Raumtypen

Eine weitere Dimension gesellschaftlicher Vielfalt ist das Bildungsniveau. Menschen mit unterschiedlichen Bildungswegen und Qualifikationen bringen verschiedene Erfahrungen, Kompetenzen und Perspektiven in Gesellschaft und Arbeitswelt ein. Auch hier zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. In den Grossstädten ist der Anteil der Bevölkerung mit einem Abschluss auf Tertiärstufe, also von Hochschulen und Fachhochschulen, besonders hoch. Deren Standorte konzentrieren sich zu einem grossen Teil in den Grossstädten und ziehen Studierende an. Gleichzeitig befinden sich dort viele wissensintensive Arbeitsplätze, die gut ausgebildete Fachkräfte anziehen.

In den ländlichen Gemeinden und Zentren ist dagegen die Sekundarstufe II stärker vertreten (z.B. Lehrabschluss, Mittelschulen aller Art).

Exkurs zum Atlas der Schweiz

Um die Vielfalt in der Schweiz umfassender zu beurteilen, könnten noch viele weitere Indikatoren mitberücksichtigt werden. Denn vielfältig ist die Bevölkerung auch bezüglich der Traditionen, den politischen Einstellungen oder der Religion. Ein spannendes Projekt, das die Vielfalt der Schweiz und ihrer Raumtypen aufzeigt, ist der Atlas der Schweiz der ETH Zürich. Über 400 thematische Karten zeigen die Vielfalt auf: https://atlasderschweiz.ch/de/


Unterschiede bis auf Quartierebene sichtbar

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es einen Stadt/Land-Graben bezüglich dem Bildungsniveau gibt. Neue Daten des Bundesamtes für Statistik zeigen aber, dass es auch sehr grosse Unterschiede des Bildungsniveaus innerhalb von einzelnen Städten oder Gemeinden gibt. Mit den neuen Daten des BFS lässt sich das Bildungsniveau sogar für einzelne Quartiere beobachten. Im Beitrag von SRF wird aufgezeigt, dass in den Zentren von Grossstädten der Akademikeranteil sehr hoch ist, bzw. es leben fast ausschliesslich Menschen mit einem Tertiärabschluss in den Zentren von Städten wie Zürich oder Bern. In vielen Aussenquartieren ist das Bildungsniveau hingegen deutlich tiefer. 

Mit dem Bildungsniveau ist der soziale Status, das Einkommen und damit auch z.B. auch die Wohnsituationen verbunden. Wenn sich Menschen mit ähnlichem Bildungsniveau in denselben Quartieren niederlassen, stellt sich die Frage, wie viel Austausch zwischen den unterschiedlichen sozialen Gruppen besteht. Ein Beitrag von SRF zeigt auf, dass dieser Austausch in der Schweiz noch zu wenig stattfindet. Dieser Austausch wäre wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft, um trotz unterschiedlichem sozialem Hintergrund das gemeinsame Verständnis zu fördern. 

 

Die Schweiz als mehrsprachiges Land

Die Mehrsprachigkeit ist ein wichtiges Merkmal der Schweiz. Sie ist auch Ausdruck der kulturellen Vielfalt der Bevölkerung. 
Das BFS erhebt jährlich die Hauptsprachen. Als Hauptsprache gilt die Sprache, in der eine Person denkt und die sie am besten beherrscht. Eine Person kann dabei auch mehrere Hauptsprachen angeben. 

Exkurs zu Dialekten

Bei der Erhebung des BFS werden Dialekte wie Schweizerdeutsch, Patois Romand oder Tessiner Dialekt nicht separat erfasst. Wer beispielsweise sowohl auf Hochdeutsch als auch auf Schweizerdeutsch denkt, wird statistisch nur einer Hauptsprache zugeordnet. Die tatsächliche sprachliche Vielfalt dürfte daher teilweise noch grösser sein, als sie in den Daten sichtbar wird. Zu der Vielfalt der schweizerdeutschen Dialekte in der Schweiz gibt es den Dialektatlas. Der Dialektatlas zeigt auf, wie sich Wörter, Aussprache und Grammatik regional unterscheidet und wie sich die schweizerdeutschen Dialekte in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Besonders in den Grossstädten leben viele Personen mit zwei oder mehreren Hauptsprachen (im Jahr 2024 21% der Wohnbevölkerung). Das spiegelt die kulturelle und sprachliche Vielfalt in den Grossstädten. In den ländlichen Gemeinden beträgt der Anteil von Personen mit mehreren Hauptsprachen 11%. Die sprachliche Vielfalt ist deshalb aber nicht zwingend kleiner. Würden in den Auswertungen auch die Dialekte mitberücksichtigt, so wäre die Vielfalt auch im ländlichen Raum höher.

 
Hinweis: Wie erwähnt werden hier nicht Fremdsprachenkenntnisse abgebildet. Sondern der Anteil der Menschen, die im Alltag mindestens zwei Hauptsprachen verwenden.

Die mit Abstand am weitesten verbreiteten Hauptsprachen sind die drei Landessprachen Deutsch (61%), Französisch (23%), Italienisch (8%). 0.4% der Bevölkerung gibt Rätoromanisch als Hauptsprache an. Weitere häufige Hauptsprachen sind Englisch (6%), Portugiesisch (3%), Albanisch (3%) und auch Spanisch (3%). Insbesondere bei der englischen Sprache fällt auf, dass es Unterschiede zwischen den Raumtypen gibt: In den Grossstädten ist der Anteil Menschen mit Englischer Hauptsprache mit 12% besonders hoch. In den ländlichen Gemeinden und Zentren ist der Anteil hingegen viel tiefer (4%). Das spiegelt den Zuzug von internationalen Fachkräften in die Grossstädte. Bei den anderen Nicht-Landessprachen wie Portugiesisch, Albanisch oder Spanisch gibt es kaum Unterschiede zwischen den Raumtypen. Das heisst jedoch nicht, dass überall in der Schweiz gleich viele Menschen dieser Hauptsprachen vertreten sind. In einzelnen Gemeinden ist der Anteil deutlich höher. Beispiele sind die touristischen Gemeinden Zermatt und St. Moritz. In diesen Gemeinden geben 21% bzw. 10% der Bevölkerung Portugiesisch als Hauptsprache an.

 

Zusammenhalt trotz Vielfalt?

Die bisherigen Auswertungen zeigen, wie vielfältig die Schweiz ist. Und zwar sowohl zwischen als auch innerhalb der Raumtypen. 
Diese Vielfalt ist eine Stärke, kann aber auch Herausforderungen mit sich bringen. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Raumtypen haben unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Perspektiven. Gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet deshalb nicht, dass alle gleich sind. Entscheidend ist vielmehr, dass unterschiedliche Gruppen miteinander in Kontakt stehen, ihre Interessen einbringen können und sich als Teil der Gesellschaft verstehen. Die politische Beteiligung und die Freiwilligenarbeit sind zwei Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. 

 

Stimmbeteiligung

Die direkte Demokratie bietet der stimmberechtigten Bevölkerung in der Schweiz zahlreiche Möglichkeiten, sich politisch einzubringen. Auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene können Bürgerinnen und Bürger über politische Fragen mitbestimmen.
Bei eidgenössischen Volksabstimmungen waren im Jahr 2024 rund 73 % der Bevölkerung ab 18 Jahren mit Schweizer Bürgerrecht stimmberechtigt. Die Stimmbeteiligung schwankt von Jahr zu Jahr und hängt stark von den Themen der jeweiligen Vorlagen ab. 2024 lag die Stimmbeteiligung über alle eidgenössischen Abstimmungen hinweg bei 48 %. Das heisst, rund jede zweite stimmberechtigte Person geht abstimmen. In den Jahren zuvor bewegte sich die Stimmbeteiligung zwischen 38 % im Jahr 2012 und 57 % im Jahr 2021. Je nach Abstimmungsthema verändert sich das gesellschaftliche Interesse, und die Stimmbeteiligung ist schweizweit höher oder tiefer. 

Auch zwischen den Raumtypen zeigen sich Unterschiede: Die Grafik im Barometer KoRE zeigt, dass die Stimmbeteiligung im ländlichen Raum zwar oft rund einen Prozentpunkt unter dem schweizerischen Mittel liegt, aber bedeutender sind die Schwankungen je nach Thema: Mal ist die Beteiligung z.B. in Grossstädten leicht höher, und mal in ländlichen Gemeinden. 
Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist die politische Beteiligung relevant. Wenn bestimmte soziale Gruppen oder Raumtypen dauerhaft weniger am politischen Prozess teilnehmen, besteht die Gefahr, dass ihre Interessen weniger stark berücksichtigt werden. Eine breite Beteiligung der Stimmbevölkerung trägt dagegen dazu bei, unterschiedliche Perspektiven in den politischen Prozess einzubringen. Studien zeigen, dass die meisten stimmberechtigten Menschen zumindest gelegentlich an Abstimmungen teilnehmen.

 

Freiwilligenarbeit verbindet

Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht jedoch nicht nur durch politische Beteiligung. Auch im Alltag gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Im Gegensatz zur Stimmbeteiligung steht Freiwilligenarbeit allen offen. Damit ist diese Form sich zu engagieren, umso wichtiger für den Zusammenhalt der Gesellschaft. 

Mit Freiwilligenarbeit engagieren sich Menschen beispielsweise in Vereinen, leisten Nachbarschaftshilfe oder pflegen Angehörige. Dadurch treffen sich unterschiedliche Generationen, Menschen mit unterschiedlichem Bildungshintergrund oder Sprachzugehörigkeit. Der Wert der Freiwilligenarbeit wird auch durch die Vereinten Nationen betont: 2026 ist das Internationale Jahr der Freiwilligen. Weltweit rückt damit ins Zentrum, was Freiwillige für die Gesellschaft und Wirtschaft leisten.
Schweizweit leisten rund 39 % der Bevölkerung institutionalisiert oder informelle Freiwilligenarbeit. 

Exkurs zu institutionalisierter und informeller Freiwilligenarbeit

  • Institutionalisierte Freiwilligenarbeit findet in Vereinen, Organisationen oder öffentlichen Einrichtungen (z. B. Alterszentren) statt. Institutionalisierte Freiwilligenarbeit wird manchmal auch als formelle Freiwilligenarbeit bezeichnet.
  • Informelle Freiwilligenarbeit umfasst u.a. Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung, Dienstleistungen oder Pflege und Betreuung von Verwandten und Bekannten, die nicht im selben Haushalt leben

In ländlichen Gemeinden ist das Engagement für Freiwilligenarbeit mit Abstand am höchsten. 50 % der Bevölkerung leistet Freiwilligenarbeit: 27 % leistet institutionalisierte, 32 % informelle Freiwilligenarbeit. Ein Teil der Bevölkerung engagiert sich auch doppelt: in Vereinen oder Organisationen und informell. Verschiedene Studien zeigen, dass in den ländlichen Gemeinden die Vereinsdichte besonders hoch ist. Im Vergleich mit den Grossstädten und Städten werden zudem Gemeindeaufgaben, soziale Dienste, Betreuungs-, Sport- und Freizeitangebote häufiger durch Ehrenamtliche wahrgenommen (Bürgi et al. 2023, Ladner und Haus 2021, Kriesi und Baglioni 2003). Hinzu kommt die Tatsache, dass 46 %, also fast die Hälfte aller Seniorinnen und Senioren Freiwilligenarbeit leisten. All diese Gründe führen zum starken Engagement in den ländlichen Gemeinden. 

Mehr Hintergründe zur Freiwilligenarbeit

  • Im Freiwilligen-Monitor erhebt die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft regelmässig Zahlen und Fakten zur Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Der Monitor zeigt auf, wie und warum sich Personen freiwillig für andere Menschen einsetzen. Der Monitor 2025 befindet sich hier. 
  • Regiosuisse veröffentlicht im Rahmen des Regionenmonitorings bald eine Story zur Freiwilligenarbeit. Die Story widmet sich den folgenden Fragen: Welche Rolle spielt Freiwilligenarbeit in den verschiedenen Raumtypen der Schweiz? Welche Bevölkerungsgruppen leisten Freiwilligenarbeit?

 

Fazit

Die Betrachtung von Altersstruktur, Bildung und Sprache zeigt, wie vielfältig die Schweiz und die Raumtypen sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass es nicht nur Unterschiede zwischen den Raumtypen gibt, sondern mindestens so viel Vielfalt innerhalb einzelner Quartiere, Gemeinden und Raumtypen. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist es wichtig, dass unterschiedliche Menschen und Gruppen miteinander in Kontakt kommen, ihre Perspektiven einbringen können und gemeinsame Räume für Austausch entstehen. Politische Beteiligung und Freiwilligenarbeit sind zwei Beispiele dafür. Sie schaffen Möglichkeiten, sich einzubringen, auszutauschen und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Gerade in einer vielfältigen Gesellschaft sind solche Begegnungs- und Beteiligungsmöglichkeiten wichtig. Unsere Auswertungen illustrieren, dass diese Elemente des Zusammenhalts in allen Raumtypen vorhanden sind, wobei die Freiwilligenarbeit im ländlichen Raum deutlich stärker verbreitet ist.

 

Anregungen zur Diskussion:

  • Welche neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen «Stadt» und «Land» sind auf lokaler und regionaler Ebene nötig und zielführend? 
  • Wie lässt sich kulturelle Vielfalt in Kontexten mit begrenzten Mitteln zur Geltung bringen?
  • Welche Herausforderungen ergeben sich aus den unterschiedlichen Entwicklungen der Raumtypen, besonders bei der Altersstruktur? Wie geht man mit einer alternden Bevölkerung in ländlichen Gemeinden um?
  • Wie wichtig ist der gesellschaftliche Zusammenhalt heute noch? Wer meint damit genau was (Zusammenhalt zwischen Raumtypen, demografischen Gruppen und Menschen mit verschiedenen Sprachen, Kulturen, Nationalitäten, Bildungs- und Berufshintergründen, wirtschaftlichen Möglichkeiten, etc.)? 
  • Wie können Begegnungen zwischen den unterschiedlichen Raumtypen und den Bevölkerungsgruppen gefördert werden?
  • Wie lässt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt in einer vielfältigen Schweiz langfristig fördern?
  • Welche Rolle kommt der öffentlichen Hand auf welcher Ebene zu? Sollen Bundespolitiken diese Überlegungen künftig mehr oder weniger berücksichtigen, wenn sie ihre Strategien und Instrumente weiterentwickeln?  

Das Barometer KoRE

Die vorliegende Story wurde im Rahmen des Barometers KoRE erstellt. Das Barometer KoRE von SECO und ARE zeigt mit wenigen ausgewählten Indikatoren wesentliche Trends der räumlichen Entwicklung der Schweiz auf. Es orientiert sich an den fünf Zielen der Agglomerationspolitik (AggloPol) und der Politik der ländlichen Räume und Berggebiete (P-LRB). 

Diese beiden Politiken umfassen zusammen mit dem gemeinsamen Aktionsplan den Beitrag des Bundes an eine kohärente Raumentwicklung.

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