Reto Zumoberhaus. Bild: ZVG.

«Die Chancen der Digitalisierung nutzen, gerade in den Regionen»

Für ländliche Regionen und Berggebiete birgt die Digitalisierung viel Potenzial. Reto Zumoberhaus, verantwortlich für Digitalisierung und Leiter Strategie & Inhaltemanagement beim Wirtschaftsverband der Schweizer Kommunikationsnetze SUISSEDIGITAL, spricht über Chancen und Herausforderungen.

regiosuisse: Herr Zumoberhaus, was ist eigentlich Digitalisierung?
Reto Zumoberhaus: Die E-Mail ist ein klassisches Beispiel der Digitalisierung. Ein Brief muss nicht mehr von Hand geschrieben und per Post verschickt, sondern kann direkt elektronisch übertragen werden. Digitalisierung bedeutet grundsätzlich nichts anderes, als dass analog vorhandene Informationen in digitale umgewandelt werden. Auf diese Weise können die Informationen von Computern verarbeitet werden, was viele neue Möglichkeiten eröffnet. So ist heute zum Beispiel das Übertragen von Audiodateien und Videos alltäglich; soziale Netzwerke haben sich ebenso etabliert wie Milliarden von Internetseiten und entsprechende Such-, Orientierungs-, Archiv- und Speicherdienste.

Welche Chancen bietet Digitalisierung für strukturschwache Gebiete?
Es können grundsätzlich drei Bereiche unterschieden werden. Erstens die Prozessoptimierung: Man kann etwas günstiger, schneller und effizienter erledigen. Zweitens können neue Kundenerlebnisse geschaffen werden. So liefert zum Beispiel eine Kaffeebar in Bern den Kunden via Internet Kaffeemaschinen und selbst hergestellte Kaffeepads direkt nach Hause, damit diese den Kaffee der Bar auch daheim geniessen können. So etwas ist in jeder Region möglich. Drittens erlaubt die Digitalisierung neue Geschäftsmodelle. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Firma «Airbnb», die es Interessierten ermöglicht, die eigene Wohnung oder ein freies Zimmer mittels App zu vermieten. Dieses Beispiel zeigt, dass gerade Tourismus und Hotellerie stark von der Digitalisierung tangiert werden, was zweifellos Herausforderungen birgt. Gleichzeitig bietet die Digitalisierung auch grosse Chancen. Gerade kleinere Tourismusgebiete können mit den digitalen Möglichkeiten –  beispielsweise durch Buchungsplattformen – eine attraktive Internetpräsenz erzeugen und aktiv in den sozialen Medien partizipieren. Mit relativ geringen Mitteln kann so viel Aufmerksamkeit und ein grosser Nutzen entstehen.

Digitalisierung bietet also auch die Chance, die Wertschöpfung einer Region zu steigern?
Dem ist so. Auch für die Industrie gilt: Digitalisierung ermöglicht das Anbieten von Dienstleistungen, die früher wegen schlechterer Kommunikationsinfrastrukturen nicht möglich waren. So kann zum Beispiel ein Architekturbüro in einer Bergregion ansässig sein, Gebäudepläne für ihre Kunden vor Ort produzieren und dann digital übermitteln. Auch NRP-Projekte versuchen die Chancen der Digitalisierung zu nutzen (mehr zu NRP-Projekten und Digitalisierung siehe Kasten, Anm. d. Red.).

Dann kann Digitalisierung auch dem Brain-Drain in den Regionen entgegenwirken?
Das sollte das Ziel sein. Das Problem ist aber: Wer investiert in ländlichen Räumen und im Berggebiet in die Kommunikationsinfrastruktur? Die Schweiz gehört in Bezug auf die Erschliessung mit Kommunikationsnetzen zu den Besten der Welt. Gleichzeitig ist es natürlich sehr aufwendig, entlegene Liegenschaften mit leistungsfähigen Netzen zu erschliessen. Leistungsfähigere Mobilfunknetze werden hier künftig aber sicher auch zu Verbesserungen beitragen können.

Vor welche Herausforderungen stellt die Digitalisierung Gemeinden, Organisationen und KMU in ländlichen Regionen und Berggebieten?
Man kann von zwei wesentlichen Herausforderungen sprechen. Einerseits – und dies ist besonders in Randregionen relevant – ist dies die Erschliessung mit leistungsfähigen Netzen. Wir sind in der Schweiz in der glücklichen Situation, dass es die Glasfaserkabelnetze und die Netze der Swisscom gibt, die unabhängig praktisch alle Regionen der Schweiz erschliessen. Es gibt aber noch Lücken, unter anderem in ländlichen Räumen und Berggebieten, die man mittels verschiedener Initiativen und Projekten schliessen will. Andererseits geht es um die Akzeptanz der Digitalisierung. Das betrifft aber alle Regionen, auch urbane Gebiete. Die Digitalisierung ist ein Fakt, dem man sich nicht entziehen kann. Es gilt daher, die sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen. 

Was kann gemacht werden, um das Umdenken und so die Akzeptanz gegenüber Digitalisierung positiv zu beeinflussen?
Hier gibt es keine Patentrezepte. Die Führung eines KMU, einer Gemeinde oder einer Organisation muss den Wandel vorleben, damit ein positiver Umgang mit der Digitalisierung ermöglicht wird. Dieses Führungsverhalten muss letztlich die gesamte Institution durchdringen, sodass die Digitalisierung oder die digitale Transformation von allen gelebt und getragen wird. 

Bedroht die Digitalisierung auch Arbeitsplätze?
Das ist eine wichtige Frage, über die schon reichlich philosophiert wurde. Es werden sicher Arbeitsplätze verschwinden. Genauso interessant ist aber die Frage, wie viele Arbeitsplätze geschaffen werden. Ich denke, dass in dieser Hinsicht gerade für ländliche Räume und Berggebiete mehr Chancen als Risiken bestehen. Es gibt hier jedoch keinen Konsens: Verschiedenste Prognosen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es wird sich erst mit der Zeit zeigen, welche Auswirkungen die Digitalisierung genau hat.

Zum Abschluss: Nennen Sie drei Tipps, um die Chancen der Digitalisierung optimal zu nutzen.
Man muss beginnen, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen und das Thema aktiv angehen. Als erstes sollte man eine Analyse machen: Wie sieht es bei mir aus? Was heisst Digitalisierung für mich? Als zweites muss die eigene Organisation, das Unternehmen oder die Gemeinde unter die Lupe genommen werden: Wo gibt es Potenziale? Wo und wie kann die Digitalisierung genutzt werden? Die Befunde müssen dann zu konkreten Massnahmen und Projekten führen, die auch umgesetzt werden. Als drittes ist es wichtig, kontinuierlich dranzubleiben und mögliche Verbesserungen laufend umzusetzen. Wichtig ist: Die Digitalisierung ist nicht ein Projekt, das irgendwann abgeschlossen ist. Sie ist ein steter Prozess, der laufend Anpassungen erfordert.

Digitalisierung und die Neue Regionalpolitik (NRP)

Auch über die NRP wurden schon diverse Projekte zur Förderung der Digitalisierung unterstützt. Das Projekt «mia Engiadina» beispielsweise ist die direkte Folge entsprechender Vorstudien, die über die NRP finanziert wurden. Auf Basis eines schnellen Glasfasernetzes sollen neue Arbeitsformen im Unterengadin ermöglicht und die Region so zu einem «Mountain Hub» werden, in dem Menschen leben und arbeiten. Neben den Vorstudien hat die NRP auch operative Konzepte und Strategieprozesse im Zusammenhang mit dem Projekt «mia Engiadina» gefördert, nicht aber den Bau des Glasfasernetzes – der Ausbau einer solchen Infrastruktur wird generell nicht von der NRP unterstützt. Das Projekt gewann dieses Jahr den SVSM-Award in der Kategorie «Interregionales Projekt». Mit diesem Preis zeichnet die Schweizer Vereinigung für Standortmanagement (SVSM) herausragende Leistungen im Standortmarketing, Standortmanagement und der Wirtschaftsförderung aus. Mehr Informationen und weitere NRP-Projekte zum Thema «Digitalisierung» finden Sie in unserer Projektdatenbank unter dem Stichwort «Digitalisierung».

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