Città giovane – Campagna veccchia: aumentare gli sforzi e sviluppare nuove idee. Immagine: regiosuisse.

Junge Stadt – altes Land: Anstrengungen vergrössern und neue Ideen entwickeln

Die neuen Bevölkerungsszenarien des Bundesamtes für Statistik zeichnen ein Bild, das die demografische Entwicklung der letzten Jahrzehnte fortschreibt. Die ländlichen Räume und Berggebiete werden dabei weniger wachsen und stärker altern als der schweizerische Durchschnitt. Diese Entwicklung akzentuiert bereits bestehende Herausforderungen wie den Brain Drain. Damit diese bewältigt werden können, müssen bisherige Anstrengungen – etwa im Bereich Regionalentwicklung – intensiviert und neue innovative Ideen entwickelt werden.

Unterschiedliche Entwicklungsdynamik in den Kantonen

Das Bundesamt für Statistik hat im Mai 2016 seine aktualisierten Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Kantone veröffentlicht. Eine Kernaussage blieb unverändert: Die Bevölkerung der Schweiz wird weiter zunehmen. Im Referenzszenario rechnet das BFS bis 2045 mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 0,7 Prozent. Oder anders formuliert: Noch vor dem Jahr 2040 dürfte die 10-Millionen-Schweiz Realität sein. 
Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind beträchtlich. Während etwa die Bevölkerung des Kantons Freiburg um mehr als 40% zunimmt, wird für den Kanton Uri gar ein minimer Bevölkerungsverlust prognostiziert. Gleichzeitig wird die Bevölkerung im Rentenalter in den nächsten 30 Jahren in allen Kantonen stark wachsen. Sie dürfte in nahezu allen Kantonen über 50 Prozent zunehmen. In einzelnen Kantonen ist sogar mit einer Verdoppelung der Anzahl Personen ab 65 Jahren zu rechnen. Wohin diese Wachstumsraten führen: Im Jahr 2045 wird beispielsweise jede dritte Urnerin und jeder dritte Urner über 65 Jahre alt sein. 

Demografiebedingte Mehrbelastungen

Die Alterung bringt nicht nur gesellschaftliche Veränderungen mit sich. In den Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen legt das eidgenössische Finanzdepartement dar, wie sich die heute absehbaren demografischen Trends langfristig auf die öffentlichen Haushalte der Schweiz auswirken. Im Basisszenario steigen die demografieabhängigen Ausgaben der öffentlichen Haushalte merklich an, von 17,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Jahr 2013 auf 20,8 Prozent im Jahr 2045. Hauptsächliche Treiber für die Mehrbelastung sind die steigenden Ausgaben im Gesundheits- und Pflegebereich sowie bei der AHV/IV. Ein weiterer spürbarer Effekt dürfte sich bei der Unternehmensnachfolge zeigen. Eine aktuelle Studie der Credit Suisse rechnet damit, dass der Anteil der KMU, die sich um eine Nachfolge kümmern müssen, in den kommenden 15 Jahren zunehmen wird. Heute sind 55% der KMU-Unternehmer zwischen 50 und 65 Jahre alt. Die Studie sieht deshalb die Gefahr eines künftigen Mangels an Nachfolgekräften.

Geringeres Wachstum und stärkere Alterung im ländlichen Raum und den Berggebieten

Das räumliche Entwicklungsmuster der letzten Jahre setzt sich gemäss Szenarien in die Zukunft fort. Die Bevölkerungsdynamik in den städtischen Räumen und den sich ausdehnenden Agglomerationen bleibt deutlich höher als in den ländlichen Räumen und Berggebieten. Die ländlichen Kantone und die Tourismuskantone weisen aufgrund der Abwanderung der jungen Erwachsenen und der Zuwanderung älterer Personen eine verstärkte Alterung auf. Ein vergleichbares Muster findet sich auch innerhalb des ländlichen Raumes: Die periurbanen ländlichen Räume weisen tendenziell eine positive demografische Entwicklung auf. In Teilen des peripheren ländlichen Raums können Abwanderung und Überalterung beobachtet werden (ARE 2012, Monitoring Ländlicher Raum). 

Bestehende Projekte und neue Ideen

Die demografischen Herausforderungen sind für die ländlichen Räume nicht neu. Gerade die Abwanderung hoch qualifizierter und gut ausgebildeter junger Menschen ist schon seit längerem ein wichtiges Thema. Im Interreg-Projekt «Brain-drain − Brain-gain» wurden etwa dessen Wirkungen und mögliche Massnahmen am Beispiel der Zentralschweiz untersucht. Eine grundsätzliche Trendwende ist kaum zu erwarten. Im Kleinen lassen sich aber durchaus Gegenbewegungen erkennen. Mit dem Begriff der «New Highlander» werden hochqualifizierte Personen bezeichnet, die bewusst die Qualitäten peripherer Berggebiete suchen, dort eine Firma gründen oder einen sozialen Beitrag leisten. Auch die sozialen Netzwerke und die Digitalisierung bieten für periphere Regionen neue Möglichkeiten. Mit der Vernetzung von qualifizierten, aus der Region stammenden Personen können Kompetenzen und Erfahrungen zumindest aus der «Distanz» genutzt werden (Rérat, Jeannerat, 2011). 
2009 hat eine Studie des SECO die Chancen und Risiken der demografischen Entwicklung für die Raum- und Regionalentwicklung der Schweiz skizziert. Chancen für den peripheren Raum werden im Tourismus, im Gesundheitswesen und allenfalls im Alterswohnen ausgemacht (Infras 2009). Die Regionalpolitik trägt wesentlich dazu bei, mit konkreten Projekten der unterdurchschnittlichen Bevölkerungsdynamik zu begegnen, die regionale Entwicklung zu stärken und neue Chancen zu nutzen, wie sie sich etwa durch die Digitalisierung ergeben. So will z.B. das NRP-Projekt «work&home» der Wirtschaftskammer Biel-Seeland die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern, um dem in der Region herrschenden Fachkräftemangel zu begegnen und so den Wirtschaftsstandort stärken. Konkrete Projekte können ihre Wirkung jedoch erst entfalten, wenn ein offenes Umfeld für deren Initiierung und professionelle Strukturen für ihre Umsetzung vorhanden sind. Hier ihre Handlungsfähigkeit zu steigern ist und bleibt eine Herausforderung für ländliche Regionen. Eine Aufgabe wird künftig im ländlichen Raum zusätzlich an Bedeutung gewinnen: Innovative Projekte zur regionalen Entwicklung für und mit einer älter werdenden Bevölkerung erfolgreich initiieren und umsetzen.

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Bild: regiosuisse.

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