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Grosse regionale Unterschiede im Bevölkerungswachstum

Die Bevölkerung der Schweiz ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Während im Jahr 2000 noch 7.2 Millionen Menschen in der Schweiz lebten, waren es 2017 bereits 8.4 Millionen. Das Bevölkerungswachstum hat aber nicht in allen Regionen gleich stark stattgefunden, wie die Betrachtung nach Arbeitsmarktregionen zeigt: Die Wachstumszentren lagen hauptsächlich im Einzugsgebiet der grossen Agglomerationen, insbesondere von Zürich, Genf und Lausanne, sowie in einigen Regionen der Kantone Freiburg und Wallis.

Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung ergeben sich auch, wenn man nicht einzelne Regionen, sondern unterschiedliche Raumtypen betrachtet. Die untenstehende Tabelle zeigt die Verteilung der Bevölkerung (für das Jahr 2017) und der Arbeitsplätze (in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) für das Jahr 2016) nach den fünf regiosuisse-Raumtypen. Es sticht insbesondere die Dominanz der Grossstädte und Städte heraus: 62% der Gesamtbevölkerung und 75% der Arbeitsplätze sind in diesen Räumen angesiedelt.

Seit der Jahrtausendwende ist die Bevölkerung in allen Raumtypen stark gewachsen, was insbesondere auf die schrittweise Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU (ab 2002) zurückzuführen ist. Klar am stärksten gewachsen sind die periurbanen Gemeinden mit einer Zunahme um rund 25% im Zeitraum 2000-2017. Demgegenüber sind die ländlichen Raumtypen am wenigsten respektive nur halb so stark wie die periurbanen Gemeinden gewachsen. Das klar geringste Wachstum verzeichneten hierbei die peripheren Teilräume mit lediglich gut 3% im Zeitraum 2000-2017. Das Bevölkerungswachstum der Städte und Grossstädte hat sich – nicht zuletzt aufgrund des hohen Anteils an der Gesamtbevölkerung – praktisch mit dem Schweizer Durchschnitt bewegt.

Die Bevölkerungsentwicklung der Neuzeit unterscheidet sich relativ stark von den Entwicklungen in den 80er- und 90er-Jahren. Damals war eine Art Stadtflucht zu verzeichnen – weg von urbanen Räumen hin zu Wohngebieten in ländlichen und periurbanen Räumen.

Die ländlichen Gemeinden verzeichneten insbesondere zu Beginn der 1990er-Jahre ein starkes Wachstum (ein wichtiger Grund dürfte hier die internationale Einwanderung infolge des Balkankriegs gewesen sein), das jedoch ab Mitte der 1990er-Jahre wieder abflaute. Demgegenüber wiesen die periurbanen Gemeinden über den gesamten Zeitraum ein überdurchschnittlich hohes Bevölkerungswachstum auf. Die stetig schneller und besser werdende Verkehrserschliessung bzw. Verkehrsanbindung attraktiver Wohngebiete im periurbanen Raum sowie die höheren Immobilien- und Mietpreise in den städtischen Gebieten sind zentrale Faktoren für diese Entwicklung.

Das starke Bevölkerungswachstum setzte sich in den periurbanen Gemeinden auch nach der Jahrtausendwende fort, nicht aber in den ländlichen Gebieten, welche in den letzten 20 Jahren unterdurchschnittlich stark gewachsen sind. Das mittlerweile stärkere Wachstum in den urbanen Gebieten dürfte insbesondere auf das Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU zurückzuführen sein.

Grundsätzlich kann das Bevölkerungswachstum einer Region bzw. eines Raumtyps durch drei verschiedene Treiber erklärt werden:

  • Natürliche Bevölkerungsentwicklung (Geburten und Todesfälle)
  • Nettozuzüge (Zu- und Wegzüge im Inland)
  • Nettozuwanderung (Zu- und Auswanderung aus dem / ins Ausland)

Diese drei Treiber zeigen sich in den regiosuisse-Raumtypen für den Zeitraum 2000-2017 unterschiedlich stark: Während die Nettozuwanderung in allen Raumtypen den grössten Anteil am Bevölkerungswachstum ausmacht, spielen insbesondere bei den periurbanen Gemeinden auch die Nettozuzüge eine wichtige Rolle (vgl. Tabelle mit Absolutwerten und Abbildung mit relativen Anteilen nach Raumtyp)

 

Die Städte wachsen aufgrund der Zuwanderung aus dem Ausland

Es fällt auf, dass das Bevölkerungswachstum in den Grossstädten stark durch die Einwanderung aus dem Ausland geprägt ist. Der Ausländeranteil in den Grossstädten ist mit 33% (Jahr 2017) denn auch überdurchschnittlich hoch. Neben der um die Jahrtausendwende viel beachteten A-Stadt-Problematik (Städte weisen typischerweise überdurchschnittlich hohe Anteile an alten und armen Personen, Arbeitslosen, Ausländern, etc. auf, vgl. EFD und KdK (2004)) wird es sich bei der aktuellen Zuwanderung – angesichts der Personenfreizügigkeit und der vergleichsweise hohen Durchschnittseinkommen in den Städten (z.B. Genf und Zürich) – vermehrt auch um gutverdienende Fachkräfte handeln.

Exkurs: Hohe Einkommen in und um die städtischen Kerne

Die Einkommen in den Städten sind generell überdurchschnittlich hoch. Insbesondere die Regionen um Zürich, Basel und den Genferseebogen heben sich deutlich vom Rest der Schweiz ab. Zudem weisen auch Regionen mit eher tiefen Einkommens- und Vermögenssteuern wie z.B. Nidwalden relativ hohe Einkommen natürlicher Personen auf. Ebenfalls auffallend hohe Durchschnittseinkommen weisen international renommierte Bergtourismusgemeinden wie St. Moritz oder Saanen/Gstaad auf.

Durchschnittliches steuerbares Einkommen pro Steuerpflichtigem/-r, 2015

atlas

Weiter ist bemerkenswert, dass aus den Grossstädten im Zeitraum 2000-2017 rund 2.3 Millionen Menschen in eine andere Inlandgemeinde weggezogen sind, während 2.2 Millionen aus einer anderen Inlandgemeinde zugezogen sind. Insgesamt resultiert bei den Grosstädten somit ein negativer Saldo bei den Nettozuzügen aus dem Inland

Eine mögliche Erklärung hierfür ist das überdurchschnittlich hohe Wachstum der Mietpreise in den städtischen Gemeinden. Als Folge werden Familien mit grossem Platzbedarf oder Personen, deren Einkommenswachstum nicht mit dem Wachstum der Wohn- und Lebenskosten in den Städten mithalten konnte, ihren Wohnsitz in Gebiete mit günstigerem Wohnraum verschoben haben.

 

Die bereits ansässige inländische Bevölkerung zieht es in den periurbanen Raum

Wie oben gezeigt, wiesen periurbane Gemeinden relativ gesehen das stärkste Bevölkerungswachstum der letzten Jahre respektive Jahrzehnte auf. Zudem war der Einfluss der verschiedenen Treiber des Bevölkerungswachstums in diesem Raum viel ausgeglichener als in den restlichen Raumtypen: Absolut betrachtet ist zwar auch in den periurbanen Gemeinden die Nettozuwanderung aus dem Ausland der stärkste Treiber des Bevölkerungswachstums, relativ gesehen ist die Bedeutung dieses Treibers aber geringer.

Interessant ist aber, dass die Nettozuzüge aus dem Inland in diesem Raumtyp mit Abstand am höchsten sind – auch bei absoluter Betrachtung. Dies dürfte daran liegen, dass der periurbane Raum als Wohnort sehr attraktiv ist: Die Wohn- und Lebenskosten sind tiefer als in den Städten, die Erreichbarkeit von Dienstleistungen aber wesentlich besser als in den ländlichen Räumen. Anhand der verfügbaren Daten lässt sich aber nicht abschliessend ermitteln, aus welchen Raumtypen die in die periurbanen Gemeinden ziehenden Personen stammen.

Vergleichsweise hoch ist auch der Einfluss der natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Interessanterweise ist dies aber nicht darauf zurückzuführen, dass es im periurbanen Gemeinden besonders viele Geburten gäbe, sondern, dass es unterdurchschnittlich wenige Tote gibt – ein Indiz dafür, dass ältere Menschen den periurbanen Raum eher verlassen.

Bemerkenswert ist zudem, dass die Mietpreise in den periurbanen Gemeinden weniger stark gestiegen sind als in den restlichen Raumtypen, obwohl das Bevölkerungswachstum am höchsten war.

 

Auch der ländliche Raum wächst hauptsächlich aufgrund der Zuwanderung aus dem Ausland

Im ländlichen Raum ist – ähnlich wie in den Grossstädten – die Zuwanderung aus dem Ausland der massgebende Treiber des Bevölkerungswachstums. Der Ausländeranteil im ländlichen Raum ist zwar deutlich tiefer als in den urbanen Gebieten, es ist aber bemerkenswert, wie stark die ausländische Bevölkerung in den letzten Jahren im ländlichen Raum gewachsen ist: Im Zeitraum 2000-2017 ist ihr Anteil um fast 70% gestiegen (von 11% auf 16% der Gesamtbevölkerung).

Die im Vergleich mit den anderen Raumtypen relativ schwache Bevölkerungsentwicklung des ländlichen Raums soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Raumtyp im internationalen Vergleich vergleichsweise gut dasteht: Viele periphere ländliche Regionen in anderen europäischen Ländern haben mit Abwanderung zu kämpfen, während die Bevölkerung im ländlichen Raum der Schweiz im Schnitt doch leicht steigt.

 

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