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Schweizer Vorsitz der Alpenkonvention: Eine Chance und ein Auftrag

Gastbeitrag: Paul Messerli & Heike Mayer, Geographisches Institut, Universität Bern

 

Anfang 2021 übernahm die Schweiz den zweijährigen Vorsitz der Alpenkonvention.
Seit der Unterzeichnung hatte sie das Präsidium bereits 1999 bis 2000 und 2011 bis 2012 inne. Mit dem erneuten Vorsitz kann sie Akzente setzen und Impulse für den ganzen Alpenraum in einer Zeit geben, wo krisenbedingt Divergenzen zwischen den Alpenländern wieder deutlicher werden.

 

In diesem Beitrag argumentieren wir, dass unsere Berggebiete in verschiedener Hinsicht mehr Resilienz entwickelt haben, um mit Krisen umzugehen. Dies durch eine stärkere Einbindung in den nationalen Kontext und eine neue wirtschaftliche, soziale und politische Dynamik in den Berggebieten selbst. Daraus leiten wir die Forderung ab, dass die Schweiz die Chance des Vorsitzes nutzen sollte, mit ihrer Agenda auch auf die gemeinsame Krisenbewältigung der Alpenländer hin zu wirken.

 

Ein neuer Gesellschaftsvertrag zwischen oben und unten in der Schweiz
Das Verhältnis Berg-Tal beruht auf dem Grundkonsens der Solidarität, der in der Schweiz in vielen sozialen und geographischen Bereichen zum Tragen kommt. Zwar wird dieser Grundkonsens in Diskussionen über Abstimmungsresultate immer wieder in Frage gestellt, doch es lässt sich auch feststellen, dass die Berggebiete bei der Schweizer Bevölkerung positiv wahrgenommen werden. Eine repräsentative Umfrage, die im Herbst 2019 von gfs- zürich im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft durchgeführt wurde, zeigt, dass sich die Schweizer Bevölkerung ausdrücklich neue Entwicklungschancen für die Berggebiete wünscht.
Dieses neue Verhältnis zwischen oben und unten ist nicht aus dem Nichts entstanden. Vielmehr wurde dafür in vielfältiger Weise etwas getan.

 

Die Politik von oben gibt neue Antworten
Die Politik des Bundes und der Kantone zu Gunsten der Berggebiete wurde in den vergangenen Jahren strategisch erneuert. Obschon Kritiker der Meinung sind, die bergspezifische Regionalpolitik wurde durch eine generelle Politik für die ländliche Schweiz abgelöst, lässt sich ein Wandel hin zu einer akteurs- und standortspezifischen Förderpolitik im Berggebiet erkennen.
So wurde auch als Antwort auf den jüngsten Vorstoss aus dem Parlament (Postulat Brand) eine Initiative gestartet, die im Rahmen der Neuen Regionalpolitik Pilotprojekte in den Berggebieten fördert. Im Zentrum dieses neuen Ansatzes stehen innovative Akteure mit ihren unkonventionellen Ansätzen zu Lösungen sozialer, wirtschaftlicher und administrativer Probleme.
Bund und Kantone flexibilisierten ihre Förderkriterien und können so zur Lösung der drängendsten Probleme und der aktuellen Krise beitragen.

 

Erneuerung und Ermächtigung der Gesellschaft im Berggebiet selbst
Neben der Öffnung der Politik für einen nachhaltigeren Einsatz öffentlicher Mittel und der partnerschaftlichen Kombination von Wissen, Kapital zur Förderung des Unternehmertums gibt es auch tiefgreifende positive Veränderungen in der Gesellschaft weit über das Berggebiet hinaus. Menschen aller Altersgruppen ziehen in den Alpenraum, um dort nicht nur zu leben, sondern auch um dort zu arbeiten oder um unternehmerisch aktiv zu sein. Diese New Highlander stehen für eine Entwicklung, die den Berggebieten neue Impulse geben kann. Die Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger bringen Leben in ein Dorf und digitale Nomaden arbeiten dank der guten Infrastruktur nicht nur in der Stadt, sondern auch in entlegenen Dörfern.

 

Vier tragende Elemente für mehr Resilienz unserer Berggebieten
Zum einen ist es die positive Grundhaltung und Einstellung der Schweizer Bevölkerung zu unseren Berggebieten, die als Lebens- und Erholungsraum gerade in der Coronazeit eine deutliche Aufwertung erfahren haben.
Zum zweiten sind es die festgestellten Anpassungs- und Transformationsprozesse in den Bergkantonen. Dazu gehören territoriale Zusammenschlüsse zu grösseren politischen und administrativen Einheiten, die der Bevölkerung neue Perspektiven des sozialen Zusammenlebens und des wirtschaftlichen Überlebens geben.
Zum dritten sind es die neuen Akteure im Berggebiet selber, die Impulse zur sozialen und wirtschaftlichen Selbsthilfe und Zusammenarbeit zwischen Berg und Tal geben, und die schon fast aufgegebenen Peripherien neu beleben. Die Entdeckung und kulturelle Aufwertung leerer Räume ist ein weiteres Zeugnis zukunftsweisender Transformationsprozesse.
Und dann ist es die nationale Politik, die im Rahmen der Berggebietsförderung Akzente gesetzt und den Schritt über eine Solidaritätspolitik hinaus weiter verstärkt hat. Ihr liegt neu ein Gesellschaftsvertrag zugrunde, der die Beziehung zwischen oben und unten, zwischen Tal- und Berggebiet ins Zentrum stellt und auf Partnerschaft setzt.

 

Für die Rolle der Schweiz als Vorsitzende der Alpenkonvention dürfte diese Feststellung insofern bedeutsam sein, als alle Alpenländer mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind. Neben einer stärkeren Einbindung der Alpenregionen in den nationalen Kontext durch die Stärkung der Beziehungen zwischen oben und unten wird auch die Wiederbelebung der Grundsätze der Alpenkonvention an Bedeutung gewinnen. So gilt es insbesondere die Treiber eines weiteren quantitativen Wachstums zu beseitigen und auch die Position der Alpenregionen im europäischen Kontext zu stärken.

 

In der aktuellen Krise zeigt sich, wie schnell diese Grundsätze in den Hintergrund treten, wenn nationale Interessen höher gewichtet werden als gemeinsame.
Der Vorsitz der Schweiz müsste ganz explizit auch dazu genutzt werden, dem Thema der gemeinsamen Krisenbewältigung aktuell und längerfristig einen hohen Stellenwert zu geben.

 

Eine Langversion dieses Artikels von Paul Messerli & Heike Mayer finden Sie hier.

 

Weitere Informationen

Veranstaltung:

Am 22. April 2021 veranstaltet das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) im Rahmen der Schweizer Präsidentschaft der Alpenkonvention eine Online-Tagung zum Velotourismus im Alpenraum.

 

Bild: Joujou / pixelio.de

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