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Bei der Beschäftigung öffnet sich die Stadt-Land-Schere

Die Gesamtbeschäftigung hat in der Schweiz im vergangenen Jahrzehnt stetig zugenommen. Zudem zeigt der vom Bundesamt für Statistik (BFS) berechnete Indikator der Beschäftigungsaussichten aktuell nach oben und prognostiziert damit einen weiteren Beschäftigungsanstieg.

Auf der regionalen Ebene war das Beschäftigungswachstum der vergangenen fünf Jahre aber unterschiedlich stark ausgeprägt, wie der Blick auf die regiosuisse-Raumtypen zeigt: Die Zunahme der Beschäftigung war primär getrieben vom Zuwachs in den periurbanen und urbanen Gebieten. Im Gegensatz dazu ist die Beschäftigung in den ländlichen Gemeinden nur unterdurchschnittlich gewachsen. Bemerkenswert ist auch der leichte Beschäftigungsrückgang in den ländlichen Zentren im Jahr 2016.

Damit weist die Beschäftigungsentwicklung ein sehr ähnliches Muster auf wie die Bevölkerungsentwicklung. Denn auch bei der Bevölkerungsentwicklung sind die Wachstumstreiber die periurbanen Gemeinden sowie die Grossstädte, während sich der ländliche Raum nur unterdurchschnittlich entwickelt hat. Entsprechend dürfte das schwache Bevölkerungswachstum im ländlichen Raum mitverantwortlich sein für die ebenfalls schwache Entwicklung bei den Beschäftigungszahlen und vice versa.

 

Exkurs: Hohe Arbeitsplatzdichte in städtischen Kernzonen

Die Arbeitsplatzdichte ist insbesondere in den Kernzonen der Agglomerationen überdurchschnittlich hoch. Die höhere Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen pro Einwohner/in ist ein Indiz dafür, dass das Beschäftigungswachstum in den Städten nicht (allein) vom Bevölkerungswachstum getrieben wird. Vielmehr dürfte die Wechselbeziehung auch von der anderen Richtung ausgehen: Die vorteilheilhafte Arbeitsplatzdichte in den Städten zieht Personen aus dem peripheren Raum an, wobei sich viele in den stadtnahen periurbanen Gemeinden niederlassen und dort wiederum für eine tiefe Arbeitsplatzdichte sorgen. Aus dieser verstärkten Konzentration von Arbeits- und Wohnorten resultiert letztlich ein erhöhtes Pendleraufkommen.

Neben dem Bevölkerungswachstum gibt es natürlich weitere Gründe für die zunehmende Diskrepanz bezüglich Beschäftigungswachstum der verschiedenen Räume, wie beispielsweise:

  • Die tiefere Wettbewerbsfähigkeit der im ländlichen Raum ansässigen Branchen
  • Die im Vergleich zum urbanen Raum schlechtere Erschliessung bzw. Erreichbarkeit des ländlichen Raums
  • Die schwache Dynamik bei der Neugründung von Unternehmen im ländlichen Raum

Die obenstehenden Aussagen werden in den folgenden Abschnitten kurz erläutert und mit Daten unterlegt.

 

Tiefe Wettbewerbsfähigkeit des ländlichen Raums

Die zunehmende Abwanderung von jungen, gut qualifizierten Arbeitnehmenden und die starke Konzentration innerhalb relativ weniger Wirtschaftstätigkeiten führt in den ruralen Räumen Europas zu einem Mangel an qualifizierten Fachkräften und einer Überalterung der Bevölkerung.

Der Bericht von Avenir Suisse (2017) zum Strukturwandel im Schweizer Berggebiet zeigt, dass ländliche Regionen und insbesondere Berggebiete eine vergleichsweise schwache Wettbewerbsfähigkeit aufweisen. Begründet wird dies mit einer wachstumsschwachen, kaum exportierenden und innovationsschwachen Wirtschaftsstruktur. Da die Schaffung neuer Stellen häufig mit Innovationsprozessen zusammenhängt, erklärt dies zumindest teilweise, weshalb das Beschäftigungswachstum im ländlichen Raum tiefer ist als in urbanen Räumen.

Der Branchenmix des Jahres 2016 bestätigt, dass produktivitätsschwache Branchen, wie z.B. die Land-/Forstwirtschaft oder das Gastgewerbe, im ländlichen Raum überdurchschnittlich stark vertreten sind (gemessen in vollzeitäquivalenten Stellen). Demgegenüber ist in den urbanen Regionen ein höheren Anteil der Beschäftigten in Branchen tätig, die eine hohe oder mittlere Arbeitsproduktivität aufweisen.

 

Unterschiede in der Erreichbarkeit der Räume

Die unzureichende Anbindung an wichtige Zentren wirtschaftlicher Aktivität sowie der erschwerte Zugang zu grossen Beschaffungs- und Absatzmärkten aufgrund der schlechteren Erschliessung schwächt die Wettbewerbsposition des ländlichen Raumes zusätzlich: Beispielsweise sind im ländlichen Raum die Reisezeiten zur nächsten Agglomeration, Kernstadt oder zu gewissen Dienstleistungen deutlich höher als im urbanen Raum.

Bei der Standortwahl von Unternehmen spielt die Erschliessung häufig eine entscheidende Rolle. Dies bestätigt auch die untenstehende Karte, die veranschaulicht, dass das Beschäftigungswachstum entlang der Nationalstrassen (rot) stärker ist, als in weniger gut erschlossenen Gebieten.

 

Beschäftigungswachstum nach Gemeinden (Zeitraum 2011-2016)

Beschäftigungswachstum nach Gemeinden

Gerade für grosse Unternehmen scheint eine gute Erreichbarkeit ein wichtiges Argument zu sein. Entsprechend sind grosse Unternehmen vermehrt in den besser erschlossenen urbanen Räumen zu finden.

 

Schwache Gründungsdynamik im ländlichen Raum

Neu gegründete Unternehmen siedeln sich primär in urbanen Räum an, wobei Ballungsräume wie Zürich, Zug oder Genf am beliebtesten zu sein scheinen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass die Unternehmen von niedrigeren Transportkosten und weiteren Agglomerationseffekten wie der Nähe zu einem grossen lokalen Markt, einem grossen Arbeitskräfteangebot und einem verstärkten Wissenstransfer profitieren wollen. All diese Faktoren wirken sich positiv auf die Gründungsdynamik aus und führen letztlich zu mehr Neugründungen in Städten und Agglomerationen. Urbane Räume sind somit nicht nur bei bestehenden Firmen der beliebtere Standort als ländliche Räume, sondern auch bei neu gegründeten Unternehmen.

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